Überleben im Dschungel der Großstadt: Freakshow oder eine Fahrt mit der U2

It's a jungle out there...

Sonntag 10.30 Uhr

Schönhauser Allee – ein Blick in den U-Bahn-Wagen, aha, rechts sitzt schon die sechsköpfige italienische Hostelmeute, gerade dem keimigen 15-Euro-Gemeinschaftsraum entronnen und ungeduscht schon die erste Bierpulle am endlos gackernden Hals, linker Seite die beiden Touristinnen aus New York, die sich in der irrigen Annahme, niemand würde sie hier verstehen, über diese fürchterlichen Deutschen auslassen („These german women look sooouuuu ugly masculine, I wonder how they can make so many babies here“), daneben die rosa Prollette, die mit ihren von dicken bunten Plastikfingernägeln verunstalteten Fettfingern ihren Kampfhund ohne Maulkorb festhält und von der ich jetzt schon weiß, dass sie am Alexanderplatz in die U5 Richtung Hönow umsteigen wird.
Hinten am Ende der Bank sitzt ein Exponat fehlgeschlagener Integration, präsentiert stolz sein neues Bushido-„Isch fick eusch alle dein Mudder sein Kopf“-mp3 auf seinem Handy und produziert geistesabwesend einen immer größer werdenden Spuckesee auf dem Boden, der langsam aber stetig in die italienische Hostel-Ecke schwappt, was diese aber kraft ihrer eitlen Schaustellerpose nicht bemerken. Zuletzt sitzt in der hinteren Ecke am Boden ein Bärtiger in seinem eigenen Erbrochenen, die Hose durchnässt von einer Flüssigkeit, von der zu hoffen ist, dass es nur Bier ist – die Brocken an seinem Bart erinnern vage an zu lange gedünstete Kartoffeln.

Hereinspaziert – eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt.

Eberswalder Straße – Mit einem „Ouuuuuuuh look at that, the horrible Kastanienallee, lets get outta there and see if we can get some one of this german Döner rubbish here” verlassen die Amerikanerinnen die Bahn. Es treten ein: Die seit Jahrzehnten von ihrem sozialen Umfeld gelangweilten Hipster mit Hauptstadtrocker-Shirt, die den Schuss nicht gehört haben und den Aufenthalt in diesem nur noch geographischen Zentrum von Prenzlauer Berg immer noch für cool halten, frisch herausgeschlurft aus dem Dr. Pong wo sie – weil sie viel zu cool zum Tischtennisspielen sind – die ganze Nacht mit der Bierpulle in der Ecke gestanden sind und mit einer hochgezogenen Augenbraue die Tischtennisspieler aus der westdeutschen Provinz beobachten haben. Jetzt in der Bahn geht es natürlich auch nicht ohne Bierpulle, es muss nämlich der Eindruck herrschen, dieser kleine Körper in seiner viel zu großen Jeans beherberge einen unkonventionellen und potenziell rebellischen Geist, der auf jeden Fall wichtig ist. Der dahinter eingetretene hirntote Typ mit Blaumann, Dirk-Niebel-Gedächtnismütze und Hornissen-Sonnenbrille, dem weiße Spuckeflocken am Mundwinkel antrocknen, begleitet ab sofort die Szenerie musikalisch mit der neuesten Rammstein-Scheibe aus dem iPod, den er so weit aufgedreht hat, dass mindestens die letzten drei übriggebliebenen Haarzellen in seinem Innenohr aber auf jeden Fall jeder hier im Waggon nun weiß, dass Til Lindemann gerade jemandem wehtut, was ihm nicht leidtut.

Senefelder Platz – Das Exponat fehlgeschlagener Integration merkt, dass es hier nicht nach Wedding geht und springt im Hechtsprung aus dem Waggon, nicht ohne panisch in seinen Spuckesee zu treten und einen Faden in Richtung Ausgang zu ziehen, Bushido fade out. Angerempelt hat er in seiner Hektik die einsteigende merkbefreite Brillenschlange mit schlechter Haut, die sich auf dem Weg zum Proseminar „Frauenforschung“ laut via Handy mit ihrer mindestens genauso hässlichen Kommilitonin über die Notwendigkeit einer Frauenquote bei Müllabfuhr, Kanalbau und beim Kommando-Spezialkräfte der Bundeswehr unterhält und dabei mit ihren vergammelten braunen Birkenstocklatschen in den Spuckesee tritt, dicht gefolgt vom ersten kulinarischen Beitrag der heutigen Fahrt in Form der stark verlebten Gelegenheitskünstlerin Irene aus Stuttgart-Zuffenhausen, die seit Jahren mit ihrer Selbstfindungsgalerie in der Kollwitzstraße dilettiert, heute mit frischem Döner von der billigen Stinkebude in der Hand – extra Zwiebeln, extra Knoblauch, extra ugly -, der innerhalb von Sekunden alle umliegenden Riechkolben für die nächsten Stunden kontaminiert. Ein abgerissener Typ mit abgerissenem Hund und nagelneuen Springerstiefeln erzählt derweil mit seiner Bratwurst mit Senf in der Hand, dass das Jobcenter ihm kein Geld geben will und er deshalb leider auf die Fahrgäste der U-Bahn zurückgreifen muss. Der Senf kleckert auf den Boden neben den Spuckesee. Die gelangweilten Hipster starren gelangweilt aus dem zerkratzten Fenster, wo außer Schwärze nichts zu sehen ist.

Rosa-Luxemburg-Platz – Bitte mehr kulinarische Beiträge zur heutigen U-Bahn-Fahrt, es riecht noch zu gut, denke ich, und – tatsächlich – es soll so sein: Auftritt der Freunde der örtlichen Trinkergenossenschaft rund um den letzten Späti hier, schwankend, die Tür erst anrempelnd dann anpöbelnd, schon wieder oder immer noch mit Pilsette am Hals, einer von denen mit Chinanudeln einer anderen Stinkebude in der Hand, von seiner Gabel fallen immer wieder fettbraune Nudelstücke auf den Spuckesee und lassen wabbelige braune Inselchen entstehen, hart am Limit die Jungs, wie jeden Tag, rotgesichtig, pockennarbig und bereits vor Betreten des Wagens so lautstark rülpsend und furzend, dass die Brillenschlange unsere kleine Fahrgemeinschaft urplötzlich panikartig verlässt und den Wagen wechselt. Missmutig schleicht ein blasses Techno-Opfer in der Rekonvaleszenzphase seines nächtlichen Drogentrips in den Wagen, die Kopfhörer auf jeder Seite größer als sein Kopf. Rammstein wird nun von Daft Punk begleitet.

Alexanderplatz – Die italienische Hostelmeute vermutet irrigerweise, dass es an diesem Ort etwas Nennenswertes zu sehen gibt und verlässt uns, drei Bierpullen nebst Biersee auf den schmierigen Sitzen hinterlassend, von diesen Pullen rollt eine in den Spuckesee und reichert diesen geschmacklich mit einem nicht ganz ausgetrunkenen Rest an und walzt den Spuckesee gleichzeitig ordentlich breit. Die rosa Prolette wackelt erwartungsgemäß hinter der Hostelmeute her, der Kampfhund kläfft nochmal in die Runde und fletscht seine fauligen Zähne. Dafür stoßen die immer noch besoffenen Punks aus ihrer Kommandozentrale am oberirdisch gelegenen Brunnen der Freundschaft mit ihren fünf stinkenden Hunden nun auf die Trinkergenossenschaft vom Rosa-Luxenburg-Platz. Sie mögen sich nicht, was in einem lautstarken leicht agressionsgeschwängerten Disput (Nazi! Zecke! Fascho! Penner!) zum Ausdruck kommt. Für gesteigerte musikalische Begleitung sorgt derweil eine rumänische Kombo mit Trompete und Ziehharmonika.

Klosterstraße – Niemand gibt Geld für Trompete und Ziehharmonika, die Rumänen beschimpfen daraufhin die Fahrgäste und werden von der sich provoziert fühlenden Trinkergenossenschaft, die sich von hier offenbar zum Abhängen am Spreeufer Richtung Jannowitzbrücke durchschlagen will, mit Fausthieben nach draußen komplimentiert. Einer der Punks bietet derweil eine zerrissene Obdachlosenzeitung feil und nötigt das verpeilte Techno-Opfer zu einem Kauf zum Solidaritätspreis von 5 Euro, ein mausgrauer Bürokrat von der angrenzenden Senatsverwaltung versucht die sich schließenden Türen wieder öffnen, er versagt und muss auf dem Bahnsteig bleiben. Der Spuckesee trocknet an den Rändern leicht an. Einer der Punks zündet sich seine wohlverdiente Kippe an. Ein wenig Spannung weicht aus der Luft.

Märkisches Museum – Noch mehr kulinarische Genüsse in der Bahn, einmal um die ganze Welt und zurück, nun Currywurst mit Pommes und ein Kaffee Togo, korrespondierend zu einer Dusche Laura Biagotti, all dies getragen von einer mittelmäßig attraktiven Blondine mit depressiv herunterhängenden Mundwinkeln, die noch bevor sie sitzt von einem der Punks gefragt wird, ob sie heute Abend schon was vor hat. Fauliger Bieratem mit unterschwelligem Kippenaroma gepaart mit einer akuten Grammatikschwäche scheinen die weibliche Zielperson in ihrer Gesamtkomposition abzuschrecken, der Kaffee kippt um und gesellt sich zu Bier und Spucke, die Blondine springt aus dem Wagen, der Rammstein-Hirntote im Blaumann isst die liegengebliebene Currywurst auf, die schwäbische Dönerkünstlerin hat bereits aufgegessen und stopft das Dönerpapier mit den Gemüseresten nun in die Ritze der Sitzbank, wobei dieses aufplatzt und das Gemüse freigibt.

Spittelmarkt – Inzwischen herrscht ein Dampf wie in einer ukrainischen Wandersauna, Schwaden von Döner, Currywurst, Kippenqualm, stinkenden Hunden und Chinanudeln durchwehen die Luft, einer der gelangweilten Hipster fasst sich ein Herz und macht ein Fenster auf, eine Oma tritt ein und macht es wieder zu. Der Hirntote im Blaumann steigt hier aus, lässt aber vorher noch die Currywurstpappe mit der Ketchupseite nach unten auf den braun-grauen Spuckebierkaffeesee fallen, der inzwischen aufgrund der Fahrbewegungen leichte Blasen schlägt und dessen Ausmaße fast die gesamte Breite des Durchgangs in Beschlag genommen haben, eine der Bierpullen ist zwischenzeitlich in einer Rechtskurve an der Wagenwand zerschellt und hat ihre Scherben mit der Hilfe von Schuhprofilen im Raum verteilt. Der Hirntote erbricht die Currywurst draußen am Bahnsteig auf eine Sitzbank.

Plötzlich betritt ein BVG-Mitarbeiter in Uniform den Wagen und die Zeit scheint kurz den Atem anzuhalten.

Tick.

Tack.

Schweigen.

Der Uniformierte schaut nach rechts, schaut nach links und

steigt ein paar Stationen weiter wieder aus.

Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

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3 Responses to Überleben im Dschungel der Großstadt: Freakshow oder eine Fahrt mit der U2

  1. AvatarSancho says:

    Sehr feine Formulierung: „Isch fick eusch alle dein Mudder sein Kopf“ 🙂

  2. AvatarHorst Auwela says:

    Oooh mein Gooottt!!!

    Herr Kurbjuhn, das liest sich wie eine Fahrt durch die Hölle.

  3. Pingback: Snowden, Longyearbyen und ein alter Bewehrungsschneider - die Links der Woche vom 18.10. bis 24.10. | Männer unter sich

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