Tour de France – 2. Etappe

Iban Mayoz beim Zeitfahren

Mannschaftszeitfahren in Les Essarts – wir sind also weiterhin in der Vendée. Was hat es mit dem Mannschaftszeitfahren auf sich? Walter Goodefrot bringt es auf den Punkt: “Das ist ein Scheißrennen.” Defekte, Stürze, Fahrer die zu früh abgehängt werden. Beim Contre-la-montre par équipes wird die Tour zwar nicht gewonnen, aber durch irgendein Pech ruck-zuck verloren.

Team Milram beim Training

Ruck-zuck zerschlugen sich die Hoffnungen von Linus Gerdemann 2009 in Montpellier, als seine Milram-Mannschaft gleich zwei Mal zu Boden ging. Vor dem team time trial hatte er noch auf einen Platz unter den Top-Ten spekuliert. Nach der Veranstaltung war er über 40 Plätze abgerutscht.

Spekuliert auf den Toursieg hatte 1993 Tony Rominger. Zum Unglück zwei Mannschaftskameraden auf der Passage du Gois gelassen zu haben, kam auch noch Pech mit dem Wetter hinzu. Er startete mit dem geschwächten und dezimierten Team im Regen nach Avranches. Als Induráin in Dinard an den Start ging, war schönster Sonnenschein und die Strecke pupstrocken. Das schlug mit brutalen vier von insgesamt fünf Minuten zu Buche, die der Schweizer am Ende hinter dem Spanier lag.

Zu Buche schlug 1993 auch die Länge der Strecke – über 80 Kilometer! Streckenchef Francois Pescheux war in diesem Jahr gnädig: Es sind “nur” 23 Kilometer geworden. Aber: Schon mal versucht 23 Kilometer an einem Fahrer dran zu bleiben, der eigentlich viel schneller als man selber ist? Geht nicht. Irgendwann muss man reißen lassen. Und das kann übel werden. Denn beim Mannschaftszeitfahren stoppt die Uhr erst, wenn der fünfte Fahrer eines Teams über die Linie fährt. Eine Deckelung der maximalen Zeitabstände gibt es diesmal nicht – denn so groß dürften die heute nicht werden.

Damit mindestens fünf Fahrer gemeinsam über die Linie flitzen, kommt es drauf an, in einer günstigen Formation zu fahren. Beim öffentlich-rechtlichen murmeln sie an dieser Stelle immer was vom Belgischen Kreisel – alle Fahrer leisten gleichviel Führungsarbeit, gehen zügig aus der Spitze raus und reihen sich hinten im Windschatten ein. Die Windrichtung bestimmt dabei die Rotationsrichtung. Den Kreisel werden wir aber in Reinkultur nicht zu sehen bekommen. Denn damit der rollt, müssten die Fahrer in etwa gleich stark sein.

Gleich stark sind die Fahrer bei Leopard-Trek zum Beispiel auf keinen Fall. Besser gesagt: Die Stärken sind anders verteilt. Die Chancen das die Leoparden heute Gelb übernehmen stehen nicht schlecht. Immerhin haben sie mit Fabian Cancellara den Zeitfahrweltmeister von 2006, 7, 9 und 2010 im Boot. Der kann den Gebrüdern Schleck ordentlich Windschatten spendieren. Auch Garmin-Cervélo darf sich mit den beiden Davids, Millar und Zabriskie, Hoffnungen machen.

Ist Mannschaftszeitfahren wirklich ein Scheißrennen? Nee, wir Zuschauer dürfen uns auf spektakuläre Bilder freuen. Endlich sieht man mal die Teams komplett im Rennbetrieb. Allemann in geschmeidigen Rennanzügen. Stylische Helme. Im besten Fall fahren sie wie Uhrwerke auf ihren high-tech Zeitfahrmaschinen.

Für die schwächeren Fahrer ist es aber eine Tortur. Für sie ist das Rennen wie das Gummi einer alten Unterhose. Ein paar mal reicht die Elastizität, aber irgendwann kommt der Punkt, wo es den Laden nicht mehr zusammen hält.

Fakten-Check:
Länge: 23 Kilometer. Profil: Flach. Die höchste Welle ist kurz vor dem Ende. Zwischenzeiten werden bei Kilometer 9 in Boulogne und bei Kilometer 16,5 in La Merlatière genommen. Wer gewinnt? HTC. Weltklasse Zeitfahrer Tony Martin fährt ins Gelbe Trikot.

Bike-Check:
Aerodynamik ist heute Trumpf. Bei einigen Zeitfahrmaschinen verschwinden die Bremsen hinter der Gabel. Disc-Laufräder senken den Luftwiderstand. Und: Riesige Kettenblätter. Bei einigen werden die ganz dicken Dinger mit 56 Zähnen montiert.

Fromage du Terroir1: Trois Cornes de Vendée
Ein Ziegenkäse in Dreiecksform mit einer Seitenlänge von etwa 10 Zentimetern. Er erinnert etwas an einen frischen Camembert. Wer keinen Ziegenkäse mag, wird ihn nicht mögen – er kann seine Herkunft nicht verleugnen. Welches Getränk passt? Ein Gros-Plants. Er ist der kleine Bruder des Muscadet. Dieser Weißwein aus dem Gebiet von Nantes. Ist preiswert und schmeckt gut gekühlt.

Fotos: Carsten Sohn

  1. „Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?“ – „Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 146 Käsesorten gibt?“, fragte Charles de Gaulle, der erste Präsident der V. Republik. Das können wir von „Männer unter sich“ natürlich auch nicht beantworten, aber wir stellen während die Tour läuft – passend zur Region – jeden Tag einen der kleinen Stinker vor.

Tour de France – 1. Etappe

Die Passage de Gois

4,5 Kilometer lang. Zwei Mal am Tag komplett vom Atlantik überflutet. Immer überzogen mit einer Schicht aus salzigem Schlick und Schlamm aus der Baie de Bourgneuf. Auftakt der Tour de France 2011 in der Vendée an der Passage de Gois. Das hat was.

Pathos, die ganz große Geschichte, der Hang zum Historischen, dramatische Bilder, die interessante Kleinigkeit am Rande und die Wucht des Scheiterns. Wenn Christian Prudomme, Monsieur le Directeur du Tour de France, eins kann: Schnittstellen für allerlei Kommunikationen herstellen.

Anno tuc floh der französische Adel vor den Normannen über Sandbänke vom Festland auf die Île de Noirmoutier. Während der Revolution nutzten die Royalisten die PdG als Rückzugsweg. Irgendwann kamen dann Pflastersteine auf den Schlick – hier und da etwas Asphalt. Zwei Mal war sie bereits im Programm der Tour. Beide Male gab es schlimme Stürze – mit Ansagen. Etliche Favoriten flogen dabei früh im Tourverlauf raus. Ausgerechnet hier die erste Etappe einer Tour zu starten – das hat eine unwiderstehliche Dreistigkeit, Herr Prudhomme!

Le Tour

“Sous les pavés, la plage – Unter den Pflastersteinen liegt der Strand.” Das dieses Motto der 68er-Bewegung ausgerechnet in der nationalkonservativen Vendée mit der PdG verwirklicht wurde, ist ein Beleg dafür, dass die Verfasser der Menschheitsgeschichte auch mal für einen kleinen Spaß im Detail zu haben sind.

Weniger Spaß dürfte Abraham Olano am 5. Juli 1993 gehabt haben, als er mit seinem Mannschaftskameraden Arsenio González Gutiérrez auf der rutschigen PdG auf die Nase flog. Olano war sofort aus dem Rennen, González schaffte es noch bis ins Ziel, strich aber am nächsten Tag die Segel.

Die Segel streichen konnte auch sein Kapitän Tony Rominger, der sich den Zeitfahrer Olano in die Mannschaft geholt hatte, um gegen Miguel Induráin anzustinken. Mit nur sechs Fahrern bei Mannschaftszeitfahren von Dinard nach Avranches bekam er nicht nur keine Schnitte, sondern auch noch eine Zeitstrafe eingeschenkt, weil zwei Mannschaftskollegen von Clas-Cajastur sich regelwidrig gegenseitig angeschoben hatten. Kein schöner Tag für den Schweizer.

Kein schöner Tag für einen anderen Schweizer war die Überfahrt der Passage du Gois am 5. Juli 1999. Diesmal erwischte es Alex Zülle. “Wer vorne stürzt, fährt sicherer”, meinte Reporterurgestein Dr. Jürgen Emig. Umgekehrt wird ein Schuh drauss, muss sich ein gewisser Lance Armstrong gedacht haben, der mit der Spitzengruppe über die Passage schlitterte und Zülle geschmeidige sechs von sieben Minuten einschenkte, die am Ende den Toursieg ausmachen sollten.

Mit dem Schuh raus war Armstrong am 2. Juli 2005 – allerdings dauerte es nur eine Schrecksekunde bis er ihn beim Prolog von Fromentine auf die Île de Noirmoutier wieder ins Pedal klicken konnte. Dass David Zabriskie den Prolog vor sechs Jahren gewann, hatte ich schon so gut wie vergessen. Das Bild dieses Rennens: Armstrong überholt den eine Minute vor ihm gestarteten Jan Ullrich.

2005 ging es zwar nicht über die Passage du Gois, sondern über die Brücke zur Île. Sie wird auch diesmal wieder Ausgangspunkt sein. Die Fahrer starten offiziell, neutral in La Barre-de-Monts – genauer gesagt: An der Place de la Gare in Fromentine vorm Hotel de Bretagne. Es geht dann über die D 38 zur Brücke. Und nach einem Rechtsknick auf die Passage du Gois, wo Tourchef Prudhomme das Fähnchen wedelt, um den scharfen Start freizugeben. Sollte die Passage du Gois noch feucht sein – gute Nacht zusammen.

Mit einer Sprintankunft rechne ich nach den ersten 191,5 Kilometern allerdings nicht, denn am Ende warten zwei Berge auf die Fahrer. Von einer alpinen Bergankunft kann man natürlich nicht reden, aber immerhin die letzten 2 Kilometer bis ins Ziel auf dem Mont des Alouettes (4. Kategorie) geht es stramm bergauf.

Fakten-Check:
Länge: 191,5 Kilometer. Profil: Flach mit zwei Anstiegen gegen Ende. Der bissigste zum Schluss 2,2 Kilometer mit 4,7 Prozent. Wer gewinnt? Andy Schleck? Contador? Nee, hier muss ein Fahrer im Berserkerformat das Rennen machen: Fabian Cancellara.

Bike-Check:
Laut RoadBIKE soll Andy Schleck ein Chain Catcher gefehlt haben, als er im vergangenen Jahr bei der 15. Etappe nach Bagnères-de-Luchon Gelb verlor, weil er die Kette aufs Tretlager schaltete. Das sollte in diesem Jahr nicht passieren, denn sein aktueller Sponsor verbaut sie serienmäßig.

Fromage du Terroir1: Bûchette du Pont d’Yeu.
Von der Brücke aus kann man sie sehen: Die Île d’Yeu. Dort wird dieser cremige Ziegenkäse in Form eines Zylinders rund ums Jahr produziert. Er ist mit einer dünnen, grauen Schicht aus Asche und Schimmel überzogen, die im salzigen Klima der Insel besonders gut gedeiht. Beste Saison ist der Frühsommer. Welchen Wein dazu? Einen weißen: Muscadet. Aber sur lie s’il vous plaît. Dann hat er lange Kontakt mit der Hefe gehabt und moussiert noch ein wenig.

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist. Für “Männer unter sich” kommentiert er die Tour de France.

Foto Passage de Gois: pics by brian under Creative Commons CC by 2.0
Foto Fahrer: by Simon Styles (originally posted to Flickr as IMG_3315) [CC-BY-2.0 ], via Wikimedia Commons

  1. „Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?“ – „Wie wollen Sie ein Land regieren, in dem es 146 Käsesorten gibt?“, fragte Charles de Gaulle, der erste Präsident der V. Republik. Das können wir von „Männer unter sich“ natürlich auch nicht beantworten, aber wir stellen während die Tour läuft – passend zur Region – jeden Tag einen der kleinen Stinker vor.

Die Tour – Prolog

Aufgalopp. Am kommenden Samstag startet die Tour de France.

La Grande Boucle

Alberto Contador ist natürlich Topfavorit. Der Bursche hat es nicht leicht. Fährt sensationell die Berge rauf, aber wenn er dann auf dem Podium steht, geben sie ihm ordentlich einen mit. Beim diesjährigen Giro-Triumph dudelten die Veranstalter zum königlichen Marsch eine Gesangseinlage aus Zeiten des Claudillo. Ich wüsste gar nicht, wie man an die Mucke so mir nichts, dir nichts ran kommt. 2009 waren die Franzosen nicht weniger kreativ und legten eine dänische Hymne auf. Würde in diesem Jahr übrigens passen. Denn sportlicher Leiter von Contadors Saxo-Bank-Sungard-Truppe ist ein gewisser Bjarne Riis.

Kreativ ist der Spanier auch bei seiner Ernährung. Ein verzaubertes Schnitzel (Kalb ist Pflicht – Wiener Art geht gar nicht) gab im letzten Jahr  Kraft für die Alpen und die Pyrenäe. Italiens Radsportfans fanden die Idee übrigens so brillant, dass sie Alberto während der Italiensause Eier mit auf den Weg gaben – wohl in der Hoffnung, er möge das Rosatrikot dem Landsmann Nibali überlassen und sich selbst später beim Rennen in den Gefilden der Grande Nation in güldenes Gelb pökeln.

Zauberhafte Wirkung sagt man auch einer luxemburgischen Spezialität nach: Kachkéis. Der Beamte Charel Kuddel verwandelt sich nach dessen Genuss regelmäßig in Superjhemp. Die Bierpocke bleibt zwar trotz Metamorphose, aber er kann fliegen – mit den Händen in der Hosentasche. Ob die luxemburger Hoffnungen, Andy und Fränk Schleck, Kachkéis überhaupt mögen, ist mir nicht bekannt. Zu Verwerfungen mit den Dopingjägern, sollte der Genuss hoffentlich aber nicht führen.

Apropos Verwerfungen: Streckenchef Jean-Francois Pescheux hat diesmal ein sehr, sehr „welliges“ Profil gewählt. Es ist Bergziegen à la Schleck und Contador auf den Leib geschneidert. Es könnte also eine Neuauflage des Duells vom Vorjahr kommen. Vielleicht gelingt ja auch der Vorjahresplan der Luxemburger, den Spanier mit zwei Mann zu beharken.

Beharken können sich endlich auch Mark Cavendish und André Greipel. Nach Greipels Teamwechsel von HTC-Highroad zu den Belgiern von Omega Pharma-Lotto ist der Weg frei, dem Rekordetappensieger zu zeigen, wo der Hammer hängt. Dem Papier nach geht das sehr gut auf der 3. Etappe am Montag. Vielleicht noch auf Etappe 5 oder 7. Ansonsten ist in Montpellier noch eine Chance. Und Paris natürlich.

Chancen rechnet sich auch ein weiterer Deutscher aus: Tony Martin. Ein hervorragender Rundfahrer. Hat im Frühjahr Paris-Nizza gewonnen. Nur: Das Profil passt nicht. Er gewinnt die Rundfahrten bei den Einzelzeitfahren und davon gibt es praktisch nur die rund 40 Kilometer in Grenoble am vorletzten Tag – und die sind auch noch verdammt hügelig.

Um es abzukürzen, habe ich die Sache mal schnell durchgerechnet:
Gelbes Trikot: Alberto Contador, Andy Schleck, Cadel Evans.
Polka Trikot: Jerome Pineau, Anthony Charteau, Andy Schleck
Grünes Trikot: Mark Cavendish, André Greipel, Tyler Farrar.

Stellt Bier kalt!

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist. Für „Männer unter sich“ kommentiert er die Tour de France.

Foto: Hans-Peter Reichartz  / pixelio.de

Paris-Roubaix: L’Enfer du Nord

Der Weg zur Hölle ist gepflastert.

Der Weg zur Hölle ist gepflastert.

Die Hölle des Nordens. Klar, bei den beschissene Pflasterpassagen, Matsch und Schlamm. Das sind schon höllische Bedingungen, bei denen hier gefahren wird. Und gefahren wird immer. Es sei denn, es ist gerade Weltkrieg. Hinzu kommt: Anfang April kann das Wetter noch “durchwachsen” sein. Sean Kelly (Sieger 1984 und 1986) meint sogar: ”A Paris-Roubaix without rain is not a true Paris-Roubaix. Throw in a little snow as well, it’s not serious.”
Selbstverständlich. Eintagesklassiker gibt es wie Sand am Strand. Auch bei anderen Rennen wird über Kopfsteinpflaster gefahren. Aber bei Paris-Roubaix ist es ein anderes Pflaster.

Bei der Flandernrundfahrt werden viele der Kopfsteinpflasterpassagen auch im Alltag von stinknormalen Autos befahren, von der Straßenmeisterei gepflegt. Bei Paris-Roubaix sind es Holperpisten, Wirtschaftswege, die vielleicht noch von Bauern mit Traktoren genutzt werden. Andere Passagen gibt es nur noch, weil sie von Fans des Rennens, den Kopfsteinknechten, den forçats du pavé, halbwegs in Schuss gehalten werden. Nebenbei: Reichlich Pflaster macht sich bei diesem Rennen auch im Verbandstäschchen gut.

L’Enfer du Nord ist ein schönes Stück Nostalgie und irgendwie bekloppt. Ziel ist zwar Roubaix – gestartet wird aber nicht, wie der Titel vermuten lässt in Paris. Das war einmal. Los geht’s auf dem Pflaster vor dem Schloss in Compiègne. Ein erster Vorgeschmack.

Paris-Roubaix ist ein aberwitzig in die Länge gezogenes Querfeldeinrennen. Am besten noch bei Regen. Als gäbe es keine Mountainbikes, keine vollgefederten Rahmen, keine 160 mm Gabeln, keine geländegängigen Reifen und keine hydraulischen Scheibenbremsen. Nein. Diese Rutschpartie muss mit Straßenmaschinen gefahren werden. Gebremst wird selbstverständlich mit herkömmlichen Seilzugbremsen auf der Felgenflanke. Rutscht besser im Schlamm. Knüppelharten Carbonrahmen und daumenbreiten Systemlaufrädern sind Pflicht. Fädeln wunderbar zwischen den Pflastersteinen ein. Bloß kein Profil. Was sollen wir mit Grip? Möglichst noch bockenstramm aufgepumpt – man will ja keinen Verlust beim Rollwiderstand in Kauf nehmen. Und dann wundern, dass es am ersten Kopfsteinpflasterabschnitt gleich einen Platten gibt und der Materialwagen im Gedränge auf sich warten lässt. Beklopptensport erster Güte. Immerhin der begleitende Tross fährt auf Enduros für verwacklungsarme Bilder.

Wer kann Paris-Roubaix gewinnen? Eigentlich nur ein Belgier. Radbeherschung à la bonheur. Das haben die Belgier drauf, weil sie den ganzen Winter lang auf Schnee und Eis mit Cyclocross-Rädern Rennen austragen. Roubaix liegt derart nah an Belgien, dass es fast ein Heimspiel ist. Und: Die Belgier können Rennen lesen. Das hat Nick “Kabouter” Nuyens am letzten Wochenende bei der Flandernrundfahrt bewiesen. Wer bei Rennkilometer 200 zur Tankstelle gefahren ist, um Bier zu holen, weil Cancellara schon 1 Minute vorne lag und Sylvain Chavanel es auf den letzten Metern gegen den Schweizer eh nicht hätte schaffen können, hat sich um ein hervorragendes Finale gebracht.

Die Frühjahrsklassiker sind nur was für echte Kerle. Bergflöhe und Taktierer können auf dem Sofa bleiben. Hier geht es nur um eins: Den Sieg. Die Buchmacher haben für Paris-Roubaix den Schweizer Fabian Cancellara vorn, aber an Nummero zwo steht Tom Boonen, und der ist Belgier. Gehandelt wird auch noch der Norweger Thor Hushovd, aber dann kommt lange nix. Geheimtipp von mir: George Hincapie. Er ist zwar schon ein alter Sack, hat aber mit BMC ein sehr starkes Team im Nacken. Er war schon x-fach unter den Top-Ten und viele Versuche hat er nicht mehr.

Die Bierversorgung sollte am Samstag spätestens gegen Mittag abgeschlossen sein. Das Fahrerfeld startet zwar schon um 10:10 Uhr rollert dann zunächst rund 80 Kilometer durch die Picardie bevor das Departement Nord erreicht wird. Richtig zur Sache geht es erst ab Troisvilles so gegen 13 Uhr. Hier beginnen die insgesamt 27 Sektoren. Für die 109. Ausgabe des Rennens wurden drei Passagen neu aufgenommen. Drei sind raus geflogen. Gegen 14:30 Uhr wird dann die Schneise von Arenberg passiert, die sich in der Vergangenheit oft als rennentscheidend erwiesen hat. Fünfte Kategorie – mehr geht nicht.

http://www.youtube.com/watch?v=IWIqnm9iGQ0

Viele Favoriten dürften jetzt schon ohne Helfer fahren. Die Streckenführung wurde in diesem Jahr etwas geändert. Die Distanz von der Trouée d’Arenberg‎ zum Vélodrom in Roubaix ist nun mit 80 Kilometern 12 Kilometer kürzer als im vergangenen Jahr.

Pflaster der Kategorie fünf lauert dann noch einmal bei Rennkilometer 242 in Gruson beim Restaurant L’Arbre von Yorann Vandriessche, wo der Kurs einen schweinegefährlichen Linksknick macht. Die Adresse des Restaurants lautet übrigens “Pflasterstein Jean-Marie-Leblanc 1” – benannt nach dem ehemaligen Direktor der Tour de France.

So gegen 17 Uhr erreicht die rollende Apotheke dann hoffentlich das Vélodrom. Siegerehrung und dann ab zum Duschen. Aber was sind das für Duschen… Trostlose Beton-Duschen mit ekelerregenden Armaturen. An den Wänden hängen kleine Messingschilder mit den Namen der Sieger. Tom Boonen kann diesen Räumlichkeiten noch etwas abgewinnen: “When I stand in the showers in Roubaix, I actually start the preparation for next year.”

Karsten Migels und Gerhard Leinauer kommentieren auf Eurosport.

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist.

Foto: Tetedelacourse under Creative Commons 2.0

Vater und Sohn und die Tour

Faszination Radsport

Faszination Radsport

Die Saison im Straßenradsport ist gestartet. Endlich. Klar, einige Profis waren schon Downunder unterwegs, haben das komplette Straßennetz bei den Scheichs in Katar unter die Systemlaufräder genommen oder sind beim Étoile de Bessèges Anfang Februar in den Cévennen an den Start gegangen. Paris Nizza läuft.
Doch richtig los geht es erst jetzt Mitte März mit La classicissima Mailand-San Remo am 19. 3. 2011. Dann kommt es Schlag auf Schlag: Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Dauphiné Liberé und selbst der Giro sind aber nur Aufgalopp für die prestigeträchtigste aller Rundfahrten: die Tour de France – Le Tour.
Jedes Jahr aufs Neue ist Frankreich die ideale Kulisse: Ein ganzes Land wird zur Arena. – Die Flachetappen über die endlosen Ebenen des Landes. Die halsbrecherischen Sprintankünfte. Windkante fahren in der Bretagne. Vorbei an den Étangs des Mittelmeers. Dann hinauf auf die Tribünen des Wahnsinns: Die Alpen und die Pyrenäen. Erst, wenn der Brunnen auf den Champs-Élysées über die Bildschirme flimmert, ist es geschafft.

Besonders gern habe ich die Tour mit meinem Vater geguckt.
Schade, dass die öffentlich-rechtlichen Sender die Tour nicht mehr übertragen. Die kreuzdämlichen „der Helikopter überquert hier ein Schloss“-Kommentare „hier sehen wir Weinfelder, von einem guten Tropfen, der in dieser Gegend wächst“-Phrasen haben meinen Vater und mich immer zu schallendem Gelächter hingerissen.
Immer wieder gern: Emig zum im Ziel vor sich hin röchelnden Ullrich: „Jan, wie fühlen Sie sich?“ Überhaupt Emig. Hier ein kleiner Abriss aus dem Buch der Radsportzitate: „Wer vorne stürzt, fährt sicherer.“ – „Rechts sehen Sie jetzt ein paar Kühe, die gerade aus dem Bild fahren.“
Harald Schmidt über Emig: „Jetzt läuft die Tour de France. Die meisten Fahrer dopen sich nicht, um das Rennen durchzuhalten, sondern die anschließenden Interviews mit Jürgen Emig.“

Im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Reportern konnte mein Vater treffsicher kommentieren.
1989 (LeMond 8 Sekunden vor Fignon): „Das machen die Franzosen auch nicht noch mal – Einzelzeitfahren auf der letzten Etappe.“

1995 (Indurain Numero 5): „Der geht nie aus dem Sattel. Das ist der Trick!“

2000 (Ullrich gegen Armstrong): „Der Amerikaner ist zu stark. Das wird nix. Ullrich ist einer wie Ampler. Der gewinnt maximal die Friedensfahrt.“

Die Tour ist deshalb das größte Sportereignis auf dem Planeten, weil sie eine Seele hat. Tourgucken ist Männersache. Der Vater guckt mit dem Sohn und auch dessen Vater hat sie schon mit seinem Vater gesehen. Und Jahr für Jahr werden die alten Kamellen erzählt:
„Wusstest Du eigentlich, dass Joop Zoetemelk die Tour sechzehn Mal gefahren ist, sieben Mal auf dem Podium gestanden hat und nie gewonnen hat? – Ja, die Holländer haben starke Fahrer, obwohl sie keine Berge haben.“ – „Und was ist mit dem Cauberg?“ – „Is’ kein richtiger Berg. Galibier, Mont Ventoux und Tourmalet. Das sind Berge!“
„1913 sind sie auch schon den Tourmalet runter gebrettert. Und dabei hat es bei Eugène Christophe die Gabel zerlegt. Der musste dann 14 Kilometer ins nächste Dorf laufen, um das Dingen da zu schmieden. Und er lag zu dem Zeitpunkt vorne. Und die Kommissare haben ihm auch noch eine Strafminute eingeschenkt, weil ein Junge in der Schmiede den Blasebalg gezogen hat – das muss man sich mal vorstellen.“

Außerdem waren die Nachmittage schön verplant und ausgefüllt.
Meine Mutter kam irgendwann kurz nach drei, damals noch mit Tierheimhund Moritz, aus dem Wald (wir eigentlich im Halbschlaf auf ZDF – keine laute Werbung – aber schnell zu Peter Woidt auf Eurosport rüber geknipst und kundig mitkommentiert): „Hängt Ihr schon wieder vor der Flimmerkiste und guckt Euch den Quatsch an?“ – Wir scheinbar ärgerlich: „Psst!“
Paar Minuten später mein Vater: „Mama? Können wir ein Tässchen Kaffee haben?“ – Ich: „Und das Eis!“ Serviert wurde neben dem Pott Kaffee ein phantastisches Eis aus dem nördlichen Aldi-Tempel, dessen Hörnchen innen mit Schokolade gegen Durchsuppen glasiert war und das aus Schoko-Vanille-Eis mit irgendeinem leckeren Schnaps bestand – ist leider schon lange nicht mehr im Sommersortiment.

Wenn Didi Senft eingeblendet wurde, gab es ein Pils. Das war dann mein Part. „Nimm aus dem Kühlschrank im Keller – die sind richtig kalt.“ Bei Bergankunft konnten es auch mal zwei werden.

Warum die Tour immer noch fasziniert? Ein Kommentar bei Youtube sagt alles: “As they all cheated it’s still impressive.”

Als die Krankheit meinen Vater schon fest im Griff hatte und von Kommunikation schon keine Rede mehr sein konnte, schellte es trotzdem um drei bei mir an der Tür, das Eis wurde aus dem Kühler gekramt … und zehn Kilometer vor dem Ziel – ein Bier.

Carsten Sohn, Jahrgang 70, arbeitet als Blogger und Tagedieb im Mitzwinkel, dem hintersten Winkel des Internet. In seiner Freizeit betätigt er sich als Hobby-Koch und Fahrrad-Evangelist.

Foto: Dieter Schütz / pixelio.de