Die Unfähigkeit zum Mythos – einige Gedanken über den Frauenfußball

Moin, Mädels!

Mit Mythos aufgepumpt.

Ja, nu, euer Turnier startet in ein paar Tagen. Ich wünsch euch viel Spaß. Den werdet ihr bestimmt haben. Beim Spielen. Beim Zuschauen sieht das leider immer noch anders aus.
Zugegeben, ihr habt andere tolle Sportarten wie Frauen-Handball oder Frauen-Basketball um Lichtjahre hinter euch gelassen, was die öffentliche Aufmerksamkeit anbelangt, aber zum geilen, coolen Zuschauersport fehlt euch doch noch einiges.
Nein, bitte, jetzt nicht gleich wieder mit den Augen rollen und eingeschnappt sein, ich mein‘s ja gar nicht böse. Ihr macht das schon ganz anständig, okay, sonderlich schnell ist euer Fußball nicht, Stockfehler unterlaufen euch auch eher häufig und an der Athletik-Schraube könnte man auch noch kräftig drehen, das ist aber nicht so schlimm. Unsereins geht ja auch nicht nur ins Bundesliga-Stadion, sondern des öfteren mal zu den männlichen Amateuren, und da ist das Niveau durchaus vergleichbar. Und trotzdem ist da etwas, was euch fehlt.
Wahnsinn. Mythos. Drama. Fußball ist die große Oper des Mannschaftssports. Der Fußball ist überhaupt erst dadurch vom Proletengebolze zur Weltsportart aufgestiegen, als er sich über das reine Gekicke hinaus mit Mythos aufgeladen hat. Brasilien im eigenen Stadion von Uruguay gedemütigt. Die unschlagbaren Ungarn von Außenseiter-Deutschen niedergekämpft. Das Wembley-Tor. Strahlende Helden, abgefeimte Schurken tragische Gestalten… der Fußball der Männer ist in dieser Hinsicht überreichlich ausgestattet, aber bei euch, liebe Mädels, vermisse ich den Willen zum Drama und seinem farbenfrohen Personal nachgerade arg.
Und ich fürchte, ich weiß auch, woran es liegt. Ihr seid für den Fußball letztendlich viel zu vernünftig. Das ist historisch bedingt. Von Anbeginn der Zivilisation war die Frau diejenige, die den Zusammenhalt und das Überleben der Familie gesichert hat, während die Kindsköpfe von Männern auf die Jagd gingen oder gegeneinander zu Felde zogen, um sich die Köpfe einzuschlagen. Eine vollkommen idiotische, überflüssige Beschäftigung, über die die Frauen nur den Kopf schütteln konnten. Um dieser vernunftorientierten, pragmatischen Sicht der Dinge etwas entgegenzusetzen, erfanden die Männer das Heldentum. Sie luden letztlich sinnlose Aktionen wie Feld- und Kreuzzüge, Ritterturniere oder ähnlichen Quatsch mit jeder Menge Pathos auf, bis sie soweit überhöht waren, dass sie nicht mehr in Frage gestellt werden konnten. Außer im stillen Kämmerlein, wo die Frauen immer noch den Kopf darüber schüttelten, was Männe jetzt schon wieder angestellt hat.
Und so wurden Männer zu absoluten Experten, was die Überhöhung eigentlich schlichten Tuns anbelangt. Es ist kein Zufall, dass herausragende Dramatiker und Opernkomponisten fast ausschließlich männlichen Geschlechts sind. Weil wir Kerle – im Gegensatz zu den Damen – die Unvernunft als hohe, erstrebenswerte Tugend auffassen.
Und deswegen ist unser Fußball so viel spannender als eurer, Mädels: weil wir nicht nur Schuhe, Trikots und Ball mit auf den Platz nehmen, sondern noch jede Menge Übergepäck: Tradition. Sehnsucht. Heldentum. Mythos eben. Wenn eine deutsche Mannschaft gegen eine englische spielt, dann ist ein vor bald fünfzig Jahren zu Unrecht gegebenes Tor immer mit auf dem Platz. Wenn eine deutsche Mannschaft gegen eine italienische spielt, dann ist es immer die Wiederauflage des Jahrhundertspiels, dann sehnen sich Spieler und Fans mit jeder Faser ihres Herzens nach dem ersten Pflichtspielsieg gegen die Squadra Azzurra, und die Spieler, denen das gelingen wird, werden wir Denkmäler aus Marmor setzen und ihr Angedenken auf ewig in unseren heißen Herzen tragen…
Albern? Übertrieben? Möglicherweise. Aber davon lebt Fußball, die Seele dieses wunderbaren Spiels beruht auf all diesen Übertreibungen, die wir hineingeheimnissen. Vielleicht findet ihr ja noch den Weg aus den Niederungen des sportlichen Pragmatismus ins Wolkenkuckucksheim der Fußball-Romantik. Ganz ehrlich, ich trau‘s euch nicht zu. Den dritten Titel schafft ihr jederzeit, aber die weibliche Vernunft aufgeben, das kriegt ihr nicht hin.
Ich wünsch euch trotzdem viel Spaß auf dem Platz.

Foto: siepmannH / pixelio.de

Was liegt an? – 28.3. bis 3.4. 2011

Was nächste Woche auf uns zukommt.

Länderspielwoche ist eigentlich was Schönes. Wenn es sich nicht um ein Freundschaftsspiel handelt. Mein letzter Besuch einer solchen Sportveranstaltung hat mich endgültig von Freundschaftsspielen der deutschen Nationalmannschaft kuriert, das war im November 2008, da hab ich mir in der Kurve vom Berliner Olympiastadion bei Deutschland-England den Arsch abgefroren und die ganze Zeit gedacht „Warum rennt ihr denn nicht? Euch muss doch auch kalt sein!“ Scheiß-Rasenheizung. Das Ticket hatte ich noch für ein Schweinegeld bei ebay gekauft, nur um die Engländer 2:1 gewinnen zu sehen. Vergesst Freundschaftsspiele. Auch und gerade gegen Australien. Wer kommt denn auf die Idee, gegen Australien zu spielen? Löw hat Özil und Khedira schon heim nach Madrid geschickt, Lahm kriegt ebenfalls vorzeitig frei, Schweinsteiger ist in der Krise, da kann man sich die Partie nur schönsaufen. Oder Snooker auf Eurosport gucken, die übertragen die ganze Woche die China Open aus Peking. Oder aufs Wochenende warten, Bundesliga.

Ins Kino kann man diese Woche aber gehen. Zwei interessante Filme laufen am Donnerstag an, zum einen „Gegengerade 20359 St. Pauli“, ein schnell geschnittener, durchaus gewalttätiger Streifen über die Fan-Szene um den FC St. Pauli herum, Laien in den Hauptrollen, Adorf, Bleibtreu, Horwitz und Co. in den Nebenrollen, derber Punk-Rock im Soundtrack und ein Feeling wie in diesen englischen Hooligan-Filmen, die hierzulande wenn überhaupt dann nur auf DVD rauskommen und dann sofort auf dem Index landen. Bei der Premieren-Party auf der Berlinale ging stilgerecht einiges zu Bruch, Lokalverbote wurden ausgesprochen, der Film scheint recht authentisch zu sein.
Die andere interessante Film-Premiere der Woche ist die Rückkehr eines guten, alten Bekannten: Kottan ermittelt – Rien ne va plus! Über 25 Jahre, nachdem die letzte Folge der Kultkrimi-Serie aus Österreich erstausgestrahlt wurde, kehrt Lukas Resetarits als Polizeimajor Kottan („Inspektor gibt’s keinen!“) zurück. Regie hat – wie bei den Ur-Kottans – Peter Patzak geführt, das Buch stammt von Jan Zenker, dem Sohn des damaligen Autoren, Helmut Zenker, und es ist alles wie früher. Handlung und Logik sind nicht so wichtig wie ein deftiger Rock‘n-Roll-Soundtrack, sämtliche Konventionen des Krimi-Genres werden grundsätzlich außer Acht gelassen, ein abstruser Gag folgt auf den nächsten und Polizeipräsident Pilch (sehr vielversprechend im Trailer: Udo Samel) wird immer wahnsinniger. Die Reaktionen sind – wie ich einem österreichischen Fan-Forum entnehme – genau wie vor zwanzig, dreißig Jahren: die Leute lieben Kottan oder sie hassen ihn. Ich geh rein.

In der DVD-Ecke tut sich nicht allzuviel, wer Bruce Willis mag, kann sich „R.E.D.“ Zulegen, ein netter, humoriger Alter-Sack-kann-es-noch-Thriller. Und Freunde des abstrusen Trash-Humors greifen selbstverständlich zu Uwe Bolls „Max Schmeling – Eine deutsche Legende“, dem Film, indem Henry Maske als Schmeling aussieht wie Theo Waigel, der sich als Groucho Marx verkleidet hat!

Bleibt die Glotze. Heute abend um 20 Uhr 15 Macho-Pflichprogramm „Der letzte Bulle“ auf RTL. Sollte jemand „No Country For Old Men“ von den Coen-Brüder noch nicht kennen, kann er um 22 Uhr 15 zum ZDF rüberschalten und den schrägsten Killer der Filmgeschichte kennenlernen. Bei „Das Vierte“ hat die Programmdirektion offensichtlich den Überblick verloren, am Mittwoch um 20 Uhr 15 senden sie „Die Abenteuer des Rabbi Jacob“, der an gleicher Stelle erst vor sechs Wochen gelaufen ist. Trotzdem einer der komischsten Filme mit Louis de Funes. Am Donnerstag um 23 Uhr 30 lohnt immer ein Blick auf Kurt Krömer in der ARD, und am Sonnabend läuft ab 20 Uhr 15 auf ProSieben mal wieder „Schlag den Raab“. Ich kann Raab eigentlich nicht besonders gut leiden, aber die Show guck ich ganz gern. Hier kommt mir Raab immer wie so ein kleiner Junge auf dem Schulhof vor, der nicht verlieren kann und will, und alles tut um zu gewinnen. Egal, ob beim Fußball, beim Quartett, beim Klickern, Hauptsache gewinnen. Macht mir Raab beinahe wieder sympathisch.

Ansonsten erinnere ich noch mal dran, am Dienstag ab 20 Uhr 15 das ZDF weiträumig zu umfahren (Freunschaftsspiel! Australien!) und wünsche ansonsten eine schöne Woche. Viel Spaß!

Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Was liegt an? – 21.3. bis 27.3. 2011

Was nächste Woche auf uns zukommt.Was für eine Woche. Ein einziges schwarzes Loch zwischen Montag und dem Wochenende. Hat da gerade wer "So ist das doch immer?" gerufen?

Was für eine Woche. Ein einziges schwarzes Loch zwischen Montag und dem Wochenende. Hat da gerade wer „So ist das doch immer?“ gerufen?

Im TV geht’s los. Im Prinzip kann man sich heute Abend die zweite Folge der neuen Staffel der selbstironischen Macho-Serie „Der letzte Bulle“ auf RTL angucken und dann die Glotze auslassen, bis am Sonntag der (allerdings gewaltige) Fernseh-Höhepunkt kommt: Western satt auf 3sat, von morgens bis tief in die Nacht. Bohnen, Bier und Whisky bunkern und ganztags vor der Glotze abhängen, warum denn nicht. Wenn zwischendurch jemand lüftet…

Kinohöhepunkt der Woche ist eine unter Gartenzwergen angesiedelte Romeo-und-Julia-Version. Und das auch noch in 3D, der Wahnsinn!  Da bleibt man besser zuhause und widmet sich dem stillen Suff, um nicht ganz an der Welt zu verzweifeln. Vielleicht helfen ein paar DVDs? „Machete“ von Robert Rodriguez kommt in die Videotheken, wer’s mag, wenn der Meister gewaltig an der Ekel-Splatter-Schraube dreht, ist hier richtig.
In der Kauf-Ecke gibt es allerdings eine kleine Entdeckung zu machen, „Die etwas anderen Cops“ mit Will Ferell und Mark Wahlberg hat Tempo, Witz und macht richtig Spaß. Kann man wirklich gucken.

Auch im Fußball gähnt in der Wochenmitte die Leere: Montags  Bochum-Cottbus, was jetzt auch nicht gerade DER Kracher zu werden verspricht, dann nullnix bis zur EM-Quali am Sonnabend: Deutschland-Kasachstan. Kasachstan? Kasachstan. Da macht der Kenner sich einen Knoten in die Zunge, um nicht versehentlich damit zu schnalzen.

Andere Sportarten? Unter der Woche werden Freunde des Bahnradfahrens auf Eurosport fündig, die Weltmeisterschaften in Apeldoorn werden übertragen. Übrigens ebenso wie die WM im Frauen-Curling in Esbjerg. Wenn man in einer Beziehung lebt, kann man das ja einschalten und süffisante Bemerkungen machen über Frauen, die freudig und engagiert den Schrubber handhaben („Und das in ihrer Freizeit!“). Wenn man den Gag noch nicht totgeritten hat.
Am Wochenende kommt dann endlich Freude auf, die Formel 1 eröffnet ihre Saison in Melbourne, Übertragungen bei den üblichen verdächtigen, und ein besonderer Leckerbissen für Freunde ultra-traditoneller Sportveranstaltungen: Eurosport überträgt am Samstag ab 18 Uhr das Ruder-Rennen Oxford-Cambridge.

Absolutes Highlight der Woche für Kerle, die gern mit Klebstoff, Fuzzelkram und Fernsteuerungen rumfummeln: Die Messe „Faszination Modellbau“ vom 24. bis 27. März in Karlsruhe. Wir schicken einen Sonder-Korrespondenten!

Sonst noch was? Aber ja. Als Vollspaten der Woche hat sich bereits jetzt Udo Jürgens qualifiziert, Textzeilen wie
„Die Welt ist eine Google
da bleibt gar nichts mehr geheim
ob Wohnung, Haus, ob Garten
jeder schaut da rein“
gehen gar nicht. Man muss nicht jedesmal, wenn man sich überfordert fühlt, ein Lied schreiben und singen. Setzen, sechs.

War noch was? Ach ja, der Lothar Matthäus wird heute fuffzich. Einer wie der Lothar Matthäus ist der sichere Beweis dafür, dass es dem lieben Gott scheißegal zu sein scheint, ob ein Mensch, den er mit Riesentalent ausstattet, klug oder gar sympathisch ist. Wurscht. Vergessen wir dass nervende Gesabbel. Zu seiner aktiven Zeit war der Lothar ein Riesen-Kicker.

Wir wünschen euch eine schöne Woche, viel Spaß!

„Was liegt an“ ist die montäglich erscheinende Wochenvorschau von „Männer unter sich“. Was Männer in den nächsten 7 Tagen interessieren könnte in total subjektiver Auswahl: TV, Sport, Kino, Musik, DVD, Events, was eben anliegt. Haben wir was vergessen? Sollen wir auf was hinweisen? Jederzeit gern, bitte die Kommentare benutzen oder unsere Mailadresse redaktion@maenneruntersich.de .

Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de


Was liegt an? – 28.2. bis 6.3. 2011

Was nächste Woche auf uns zukommt.

Letzte Woche konnte mann sich über eine klasse Fußballwoche freuen. Diese Woche ist „immerhin ein bisschen Fußball, sonst wär ja total tote Hose“. DFB-Pokal, Halbfinale! Morgen, am Dienstag, überträgt die ARD die Ermittlung des Final-Außenseiters. Wer darf gegen Schalke oder Bayern Beton ran, Duisburg oder Cottbus? Es spricht alles dafür, dass die beiden Teams schon mal die Final-Taktik ausprobieren und einen gepflegten Beton anrühren, wir dürfen uns auf ein Elfmeterschießen freuen.
Freuen. Auf ein Elfmeterschießen zwischen Duisburg und Cottbus. Quo vadis, Fußball?
Leider wird’s am Mittwoch auch nicht viel besser aussehen, obwohl dann Schalke und Bayern aufeinandertreffen. Oder besser weil Schalke und Bayern aufeinandertreffen. Beide Teams neben der Spur, verunsichert, ratlos, auf gar keinen Fall darf’s im Pokal schiefgehen, da spielen wir mal auf Sicherheit! Das zweite Elfmeterschießen droht, zum Kotzen.

Auf anderen Sportplätzen ist auch nicht viel los, die nordische Ski-WM in Oslo (Übertragungen bei Eurosport und ARD/ZDF) schleppt sich ihrem Ende entgegen, wir freuen uns auf erregende Zeitlupenaufnahmen von der 50-km-Langlauf-Strecke, der echte Sport-Masochist zappt jedoch am Wochenende rüber zu Sport1, Daviscup Kroatien-Deutschland, dass ist endgültig was für Fans, die gern dahin gehen, wo’s weh tut.

Ist denn wenigstens im Kino…? Da ist Rango. Rango ist ein Chamäleon mit der Körpersprache von Johnny Depp und der Mimik von Clint Eastwood. Rango wird Sheriff und… lassen wir das. Wenn man Kinder hat, kann man’s ja mal mit dem Viech versuchen.

Sollen wir uns dann ’ne schöne neue DVD holen? Lieber nicht. Am ehesten geht noch „Grindhouse Double Feature„, die Kollaboration von  Tarantino und Rodriguez, die als Double Feature in den USA herauskam und grausam floppte. Deshalb brachte man hier die Filme einzeln heraus,sie floppten benefalls, und jetzt versucht man’s mit einer DVD-Veröffentlichung als Double Feature. Alles klar? Warnung auch vor „Stichtag„. Selbst wenn Todd Phillips („The Hangover“) Regie geführt hat, Robert Downey jr. die Hauptrolle spielt und die Handlung mehrfach erfolgreich erprobt wurde, das Ding ist einfach nur nervig und unkomisch.

Bleiben wir also vor der Glotze hocken. Wer sich am Donnerstag bis 23 Uhr 30 wachhalten kann, schaue sich „Kurt Krömer – Die internationale Show“ an. Die neue Staffel hat letzte Woche recht vielversprechend begonnen. Freitag abend um 22 Uhr 30 auf RTL II: „Rumble in the Bronx„, herrlich hirnlose Jackie-Chan-Action, am Sonntag um 20 Uhr 15 sendet RTL für den jung gebliebenen Action-Freund „Transformers„, nicht mehr ganz so jung gebliebene Satire-Freunde schalten zur gleichen Zeit „Thank you for Smoking“ auf RTL II ein, schöne Komödie über einen für die Tabakindustrie tätigen Spin Doctor, der gleichzeitig ein verantwortungsbewußter Vater sein möchte.

Dann ist diese Woche um. Wir können uns jetzt schon auf die nächste freuen. Viel Spaß!

Was liegt an? – 14.2. bis 20.2. 2011

Was nächste Woche auf uns zukommt.

Champions League. Endlich wieder Champions League. Die monatelange Schockstarre, in die wir nach der Gruppenphase verfallen sind, ist endlich vorbei, die männliche Woche bekommt wieder Struktur. Dienstag AC Milan gegen Tottenham und Valencia-Schalke, Mittwoch dann AS Rom gegen Donezk und der Kracher Arsenal gegen Barca (den überträgt Sat1).

Des weiteren läuft bis zum kommenden Sonntag die Alpine Ski-WM in Garmisch (Eurosport und ARD/ZDF übertragen).  Die Welsh Open im Snooker stehen an, Eurosport überträgt nachmittags und abends live. Am Sonnabend sendet Sport1 zwei FA-Cup Spiele, Chelsea-Everton und Sheffield-Birmingham, eine willkommene Abwechslung zum Bundesliga-Alltag, spät in der Nacht boxt Felix Sturm dann irgendein Fallobst auf Sat1.

Im Fernsehen ist – wie mittlerweile beinahe immer – ausgerechnet auf das ZDF Verlass. Montags um 22 Uhr 15 kann man den Sender beinahe blind einschalten, da läuft verlässlich gutes, spannendes Abenteuer-Kino, diese Woche „Auf Messers Schneide – Rivalen am Abgrund“ mit Alec Baldwin und Anthony Hopkins. Zwei Kerle müssen nach einem Flugzeugabsturz ums Überleben kämpfen, dass der eine den anderen verdächtigt, was mit seiner Frau zu haben, ist nicht unbedingt hilfreich. Sehr Spannend. Dienstag/Mittwoch/Donnerstag ist Fußball angesagt (Donnerstag Uefa-Cup in Sat1 ab 19 Uhr, erst Benfica-Stuttgart, danach Charkov-Legokusen. Wer aus unerfindlichen Gründen nicht Fußball gucken möchte, kann am Mittwoch den Louis-de-Funés-Film in Das Vierte einschalten, diesmal ist es Oscar, der Film, mit dem de Funés endgültig den Durchbruch schaffte, ein echter Brüller. Sollte irgendwer ihn noch nicht kennen: am Freitag, 20 Uhr 15, läuft auf Pro7 in der xten Wiederholung „The Transporter“. In knapp zwei Stunden gehen jede Menge Autos und Menschen zu Bruch, ohne das Jason Statham eine Miene verzieht. So soll’s doch sein, das macht Spaß.

Ab Donnerstag neu im Kino: 127 Hours von Danny Boyle (Slumdog Millionaire). Das ist die Verfilmung des Bestseller „Between a Rock and a Hard Place“ von Aron Ralston, der von Gentleman’s Quarterly 2003 zum „Mann des Jahres“ erklärt worden war. Ralston war auf einer Bergtour verunglückt und hatte sich den Arm eingeklemmt. Er konnte sich nur befreien, indem er sich selbst die Hand mit einem stumpfen Taschenmesser amputierte. Nichts für Männer mit schwachen Nerven und/oder Mägen. Sensible Naturen können sich ins Nachbarkino retten, wo „The King’s Speech“ läuft, großes, höchst amüsantes Historienkino mit Colin Firth.

Bei den DVD-Starts kommen Serien-Fans auf ihre Kosten, die mit einer verbogenen Büroklammer, einem halbleeren Streichholzbriefchen und einer leeren AAA-Batterie die Welt retten wollen: die siebte Staffel von MacGyver kommt raus.

Last Commander Standing in der Berliner UFA-Fabrik

Schließlich und endlich wende ich mich mit schamloser Schleichwerbung in eigener Sache an die Berliner unter unseren Lesern: wer auf straighten, überlauten Gitarren-Rock steht, sollte einen Besuch der UFA-Fabrik in Erwägung ziehen. Von Mittwoch bis Sonnabend läuft dort jeweils um 20 Uhr die Rockshow „Last Commander Standing“: Commander Jack Chickenhunter bringt den Rock’n Roll nach Berlin, fängt ein Verhältnis mit der goldenen Frau auf der Siegessäule an und lässt es gewaltig krachen. Buch und Regie der Show verantwortet der Schreiber dieser Zeilen, wünscht mir Glück. Ich wünsch euch viel Spaß und eine gute Woche!

Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Italien, mal wieder…

Heute spielt die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Italien. Mal wieder. Obwohl es heute ein Freundschaftsspiel um die goldene Ananas ist, denkt man natürlich an die großen Duelle beider Mannschaften, als es um alles und ans Eingemachte ging. Das Halbfinale 2006.  Das Finale 1982. Und das Halbfinale 1970, das „Jahrhundertspiel“. Wer das – wie ich – live (vorm Fernseher) verfolgt hat, vergisst es nicht.

Es war ein Mittwoch, Anpfiff war um 16 Uhr Ortszeit, 22 Uhr hierzulande. Am nächsten Morgen um 8 wollte Herr K. eine Mathe-Arbeit schreiben lassen. Okay, 90 Minuten, Viertelstunde Pause, vor zwölf würde ich in der Falle liegen. Kein Problem.

Und dann das frühe Tor. Alles, nur den Italienern kein frühes Tor erlauben. Dann stellen sie sich hinten rein, werden nicklig und es wird hässlich. Und es wurde hässlich. Und wie..

Schiedsrichter Arturo Yamasaki ist vermutlich mit leichtem Handgepäck in Mexico City eingetroffen und mit mehreren wohlgefüllten Schrankkoffern nach Hause zurückgekehrt. Was der gepfiffen hat, ging auf keine Kuhhaut. Allein, dass er das Foul an Beckenbauer nach außerhalb des Strafraums verlegt hatte, war eine Frechheit. Aber dass er Pierluigi Cera, der Beckenbauer die Schulter ausgerenkt hatte (!) noch nicht mal gelb gezeigt hat… dafür fehlen mir 41 Jahre später immer noch die Worte.

„Ausgerechnet Schnellinger!“ war natürlich ein Quatsch-Kommentar Hubertys. Wenn überhaupt jemand (außer Müller) den Ausgleich machen konnte, dann Schnellinger. Der spielte seit Jahren in Italien, der kannte seine Gegenspieler aus dem Effeff, und er hatte bisher ein saustarkes Turnier gespielt. Der wusste genau, dass die Defensiv-Fetischisten nicht damit rechnen würden, dass plötzlich ein Verteidiger vor dem Tor auftaucht… Wäre Huberty auf Ballhöhe gewesen, hätte er „Natürlich Schnellinger!“ rufen müssen.

Das Etikett „Jahrhundertspiel“ ist einzig und allein der Verlängerung geschuldet. Zuvor war es ein hässliches (defensive Italiener), vorhersehbares (anrennende Deutsche) Spiel. Die Dramatik der Verlängerung war jedoch unüberbietbar. Ein spannenderes und vor allen Dingen emotional bewegenderes Spiel habe ich seitdem nicht mehr gesehen.

Augenzeuge Gianni Rivera sieht das allerdings anders: “War nicht das Jahrhundertspiel. Die meisten auf dem Platz waren Kettenraucher. Man hörte in der Hitze die Lungen rasseln. Die Spieler konnten nicht mehr. Die Tore mussten fallen.”

Gedenktafel am Aztekenstadion

Was nach 41 Jahren immer noch bleibt, ist die Wut über die Ungerechtigkeit dieses Ergebnisses. Die deutsche Mannschaft hat hinreißend gekämpft und der als unüberwindlich geltenden Deckung der Italiener drei (drei!) Tore hineingedrückt. Das galt vor diesem Spiel als unmöglich. Sicher, die Italiener haben im Endeffekt ein Tor mehr geschossen, man muss dieser eiskalten Professionalität Respekt zollen, aber ein unparteiisch pfeifender Schiedsrichter hätte zwei Elfmeter für Deutschland gegeben und mindestens einen Italiener vom Platz gestellt. Das Spiel hätte ein anderes Endergebnis gehabt.

Was letztendlich wurscht war. Wir hätten das Finale ohne Beckenbauer gegen die in Top-Form auftretenden Brasilianer vermutlich genauso glatt verloren wie die Italiener. Obwohl… wir hätten uns schneller regneriert. Und wir hatten Erfahrung im Spiel gegen Mannschaften, die sich schon wie die sicheren Sieger gefühlt haben. Möglicherweise… Warum eigentlich nicht?!

Es war nach eins, als ich mich ins Bett legte. An Schlaf war nicht zu denken, dafür hatte ich zu wenig Blut in meinem Adrenalin. Irgendwann gegen fünf oder halb sechs, es wurde schon hell draußen, bin ich für ein paar Momente weggedämmert, schreckte jedoch Sekunden später aus einem Alptraum (irgendwas mit blau gekleideten Männern) wieder hoch.

Um sieben klingelte der Wecker, um kurz vor acht hatte ich mich zur Schule geschleppt. Die anderen sahen genauso zerstört aus wie ich: alle hatten das Drama verfolgt, keiner hatte ein Auge zugemacht. Unmöglich, in diesem Zustand eine Mathe-Arbeit zu schreiben. Da musste selbst ein Schleifer wie K. ein Einsehen haben, das konnte er nicht machen, wenn in seiner Brust ein menschliches Herz schlug, dann würde er die Arbeit verschieben. Er wusste doch, dass wir alle fußballverrückt waren.
Um Punkt acht betrat K. die Klasse, frisch rasiert und ausgeschlafen. Der hatte sich um neun ins Bett gelegt, dem ging der Fußball am Arsch vorbei. Fröhlich verteilte er die Klassenarbeitshefte und stellte uns die Aufgaben. Als er uns zwei Wochen später die Arbeiten zurück gab, war die Vier die beste Note.

Seitdem frage ich mich, wer das größere Arschloch war, Arturo Yamasaki oder Herr K. Noch steht’s unentschieden, die Verlängerung dauert an.

Foto Gedenktafel by Hellner [Public domain], via Wikimedia Commons

Wo Mann gewesen sein muss: Westfalenstadion, Dortmund

Das Westfalenstadion (Signal-Iduna-Park)

Fußball kannst du nur im Stadion fühlen. Fußball im Fernsehen ist ganz okay, wenn deine Mannschaft spielt, wenn’s live übertragen wird, wenn’s um was geht, wenn du mit ein paar Freunden guckst… ist okay.
Beim Public Viewing ist die Stimmung besser, es gibt Bier vom Fass, da kannst du schon mal das Anstehen wie im Stadion üben, aber seien wir doch mal ehrlich: Sprechchor, um ’ne Videowand anzufeuern, ist doch irgendwie suboptimal, oder?
Nur im Stadion erlebst du das Spiel unmittelbar, und du passt besser genau auf, denn wenn du dich gerade umdrehst, um deinem Hintermann irgendwas zu erzählen, und es passiert was wichtiges auf dem Rasen, dann hast du’s verpasst. Hier gibt’s keine geschmeidig eingespielten Zeitlupen, die dich auf den Stand bringen, deshalb wird vorher gepinkelt, und/oder in der Halbzeit, logisch. Im Stadion ist über die volle Länge Nettospielzeit, und das ist gut so.
Überhaupt kannst du nur im Stadion das Spiel richtig sehen. Wenn du einer dieser Fans bist, die brüllen und die Arme hoch reissen, wenn ein Tor fällt, und ansonsten rumhockst, aufs nächste Tor wartest und „Scheißspiel“ murmelst, ist das für dich nicht wichtig, aber im Stadion siehst du das ganze Spiel. Auch das ohne Ball. Die Philosophie mit der ein Team spielt, das Konzept. Wer die Räume zumacht, wer in die Manndeckung genommen wird, wer den freien Raum sucht und wer ihn findet, wie Spielzüge vorbereitet werden, wie die Momente entstehen, wegen denen man ins Stadion kommt. Okay, das kann man auch am Fernseher sehen, aber im Stadion sieht man’s besser. Ganz ohne Super-Slomo.
Und was du nur im Stadion erlebst: wie es eins wird. Wie aus tausenden Individuen, nüchternen, besoffenen, klugen, doofen, gelangweilten, enthusiastischen, gehemmten, extrovertierten, wasweißdennich, jedenfalls total unterschiedlichen Menschen, plötzlich eine Einheit wird, die Fußball lebt, fiebert, atmet, die gemeinsam spürt, dass gleich etwas geschehen muss, die herbeizuschreien versucht, was sie erleben will, die wegschreit, was nicht sein darf…
Alles in allem: Kerle, die den Fußball von ganzem Herzen lieben, gehören ins Stadion. Nirgendwohin sonst.
Nur: In welches? Wir haben ja ein paar hierzulande.
Die Frage ist einfach zu beantworten: jedes Stadion, in dem der Verein spielt, für den dein Herz schlägt, ist das richtige Stadion. So einfach ist die Welt.
Und doch gibt’s das ein oder andere Stadion, wo man mal gewesen sein möchte, weil…
Weil hier Geschichte geschrieben wurde. Spiele gespielt wurden, über die man nach Jahren oder gar Jahrzehnten noch spricht. Weil es Orte sind, in denen Triumph und Tragik aufeinander trafen und Fußballmythen entstanden.

Flutlicht. Ein Muss.

Ein solches Stadion in Deutschland ist das Westfalenstadion (heißt derzeit wg. Liquiditätsbeschaffung Dingsbums-Park oder so). Das Ding mit der Südtribüne, der „gelben Wand“ gegen die keine Mannschaft dieser Erde gerne anspielt. Man kann gegen die Dortmunder sagen, was man will, aber: Von Fußballstimmung verstehen sie was. Das können sie.
Endgültig zum Mythos wurde das Westfalenstadion 2006. Es begann in der Vorrunde, bei Deutschland-Polen, natürlich in der 91. Minute, als Odonkor die Linie entlang ging und ging und ging und den Ball dann in die Mitte hämmerte, die Flanke seines Lebens schlug, präzise, wie er’s gar nicht konnte, auf Neuville’s Fuß, der den Ball ins Netz donnerte, was für ein Tor, was für ein Augenblick, die Geburtsstunde eines Traums, da dachte jeder, mein Gott, sie können’s schaffen, sie können über sich hinauswachsen, da ist was drin, wir sehen uns im Halbfinale.

Born on the 4th of July: Mythos Dortmund

Und die Geschichte vollendete sich im Halbfinale, wieder in Dortmund, ausgerechnet gegen Italien, wie „Ausgerechnet Schnellinger!“ 26 Jahre vorher in Mexico, und wieder ging es in die Verlängerung, aber diesmal konnte nichts passieren: Mythos Dortmund! Noch nie hatte eine deutsche Nationalmannschaft hier verloren, im Westfalenstadion sind wir unschlagbar, Mythos Dortmund!

119. Minute: Grosso.

Wir sind unschlagbar. Mindestens noch eine Minute, das ist zu schaffen, wir brauchen doch nur ein Tor, der Ausgleich langt fürs Elfmeterschießen, das packen wir, jetzt wird Geschichte geschrieben, Mythos Dortmund!

120. Minute: Del Piero.

Es sind die herzzerreißenden Niederlagen, in denen Fans und Mannschaft wirklich zusammenwachsen. Erst jetzt, mit dem Ende der Unschlagbarkeit, wurde der Mythos Dortmund wirklich geboren.
Was für ein Ort. Wem hier keine Träne ins Auge steigt, der hat nicht gelebt.

Dies ist der zweite Teil einer Serie über Orte in Deutschland, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Wenn wir genügend Orte vorgestellt haben, planen wir eine Abstimmung über die Top-Ten der deutschen Männer-Locations. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail.
Bisher erschienen: Bobbahn Altenberg

Fotos:

Panorama by DerHans04 (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons
Nachts by Chin tin tin (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons
4. Juli  by Urby2004 (Own work (taken by me)) [GFDL , CC-BY-SA-3.0or CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Das italienische Rätsel

Zwei Gläser ein Gedanke

Zwei Gläser, ein Gedanke

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird: warum trinken die Italiener in der Trattoria Wasser aus großen und Wein aus kleinen Gläsern?
Die Antwort ist verblüffend einfach: Sie können nicht aus ihrer Haut heraus, weder beim Wein noch beim Fußball. Wichtig ist die Defensive (Wasser), von der Offensive (lecker Wein) brauchen sie nicht so viel.
Darauf bin ich gekommen, als ich kürzlich mit einem italienischen Kollegen die größten Fußballspiele aller Zeiten durchdeklinierte. Und bei diesem Thema komm ich unweigerlich auf das „Wunder von der Grotenburg“ zu sprechen, ein unglaubliches, mitreißendes Europacup-Rückspiel von Bayer Uerdingen (ja, Bayer Uerdingen!) gegen Dynamo Dresden im Jahr 1986, wenn ich mich recht entsinne. Das Hinspiel in Dresden hatten die Uerdinger Nullzwo versemmelt, und so versammelten meine Fußballkumpels Patrick, Andi und ich uns erwartungsfroh vor dem Fernseher. Ein Nullzwo aufzuholen war jederzeit machbar, und deshalb versprachen wir uns ein aufregendes, offensiv geführtes Spiel, zumal Uerdingen seinerzeit von dem gern offensiv agierenden Kalli Feldkamp trainiert wurde und mit dem – meiner Ansicht nach vollkommen zu unrecht in Vergessenheit geratenen – Matthias Herget einen begnadet offensivstarken Libero aufbieten konnte. Also, vor dem Fernseher gemütlich gemacht, Pilsbier geknackt, und die Party konnte losgehen.
Zur Halbzeit diskutierten wir, in welcher Kneipe wir den Abend fortsetzen sollten. Das Spiel war durch, die Dresdner führten 3:1, Uerdingen war ausgeschieden, da konnte man sich doch am Tresen ein frisch Gezapftes gönnen, und von vergangenen Europacup-Schlachten schwadronieren. Gottseidank griff jedoch eine übergeordnete Macht (Assauers ungerechter Fußballgott?) ein und ließ uns “Nur noch 5 Minuten, vielleicht passiert ja doch noch was …” vor dem Fernseher ausharren.
Ca. 45 Minuten später war mein Couchtisch Kleinholz (Ich hatte beidfäustig auf ihn eingehämmert, während ich ca. 10mal hintereinander “Das gibt’s doch nicht!” gebrüllt hatte.), Patrick, Andi und ich lagen uns in den Armen und versicherten uns ein ums andere mal, dass wir “so etwas ja überhaupt noch nicht” gesehen hätten. Die Uerdinger hatten in einem atemberaubend rauschhaften Sturmlauf in den zweiten 45 Minuten 6 Tore geschossen und die Dresdner mit 7:3 aus dem Europacup geworfen. Noch heute fehlen mir die Worte, um dieses unglaubliche Offensiv-Spektakel zu beschreiben, bei dem auf einmal alles, aber auch alles passte, was immer die Uerdinger auch anstellten. Und vor allen Dingen herrschte eine unglaubliche Stimmung. In der Grotenburg-Kampfbahn, in der Sprecher-Kabine des ausrastenden Kommentators und in meinem Wohnzimmer.
Ca. eine Viertelstunde nach Spielende klingelte es bei mir an der Tür. “Das ist Marjam!” rief Patrick, “Das erledige ich!” Marjam war seine damalige Freundin, die sich nicht für Fußball interessierte und deshalb die Spielzeit im Kino verbracht hatte. Patrick eilte zur Tür, riss dieselbe auf und rief: “Und das war jetzt das, was ich dir seit Jahren nahe zu bringen versuche: Erlebnis Fußball! Erlebnis Fußball, verstehst du? Aber du warst ja wieder mal nicht da!” Sprach’s, knallte der vollkommen verdatterten Marjam die Tür vor der Nase zu und kam zurück zu uns ins Wohnzimmer. “Der lange Paß von Herget auf Funkel, unglaublich!”, meinte er. “Sowas hab ich ja überhaupt noch nicht gesehen.”
Ja. So ein Spiel war das.
Und von diesem Spiel hatte ich meinem italienischen Kollegen erzählt, der sich diese Schilderung in aller Seelenruhe anhörte, gleichmütig nickte und „1:0 wär besser gewesen.“ sagte.
Wie gesagt, sie können nicht aus ihrer Haut raus, unsere italienischen Freunde. Weder beim Wein noch beim Fußball.

Schau dir den mal an, Walter

Einen Spieler wie Walter Frosch hat man immer gern in der Mannschaft. Nehmen wir mal an, wir entdecken in den Reihen des Gegners einen technisch überaus starken Sechser mit großem Offensivdrang, den es ständig in die Nähe unseres Strafraums zieht, wo er für Verwirrung und Torgefahr sorgen möchte. Wenn in unserem Team ein Walter Frosch mitspielt, müssen wir nur zu ihm laufen und sagen: „Walter, schau dir doch bitte mal den Sechser an.“ Walter wird nicken, zum Sechser laufen, sich den ganz genau ansehen, dabei dessen Körper kurz aber prägnant auf Stabilität und Schmerzempfindlichkeit untersuchen, und die Sache ist erledigt. Der unangenehme Sechser wird sich in Zukunft auf reine Defensivaufgaben beschränken, die Mittellinie als Grenze seines Lebensraums akzeptieren und mindestens ein halbes Spielfeld Distanz zwischen sich und Walter halten. Oder er lässt sich gleich auswechseln, wie einmal Erwin Kremers nach 18 (!) Minuten. Da hatte Walter Frosch ihn schon dreimal über die Bande gehauen, „damit da Feierabend war“, wie Frosch sich ausdrückte.
Da nimmt es nicht Wunder, dass Walter Frosch sogar eine eigene Fußballregel hat, die – natürlich – eine Strafe beinhaltet. Die Spielsperre nach der vierten (ursprünglich der fünften) gelben Karte verdanken wir nämlich ihm. Nachdem er in der Zwoten Liga 76/77 27 Gelbe in 37 Einsätzen gefangen hatte, führte die DFB-Gerichtsbarkeit „seine“ Sperre ein, und fortan durfte Frosch sich alle paar Spiele mal ein wenig ausruhen.
Das tat er bevorzugt in der ein oder anderen Lokalität, denn „Mein schwerster Gegner war immer die Kneipe“, wie Frosch einmal ungewohnt selbstkritisch anmerkte. Wenn er beim Griechen war, durfte es dann schon mal der ein oder andere Ouzo mehr sein, und dann wurde in den frühen Morgenstunden ein 400-Meter-Rennen um 10 Liter Bier gegen ein Paar Kumpels organisiert, Frosch gab den Kumpels 100 Meter Vorsprung, gewann trotzdem und kümmerte sich um den Gewinn. Gegen 13 Uhr tauchte er dann leicht derangiert im Stadion auf und wurde von Trainer Ribbeck auf seine stark geröteten Augen angesprochen. „Bindehautentzündung“, raunzte Frosch, schnürte die Schuhe und machte den nächsten Stürmer platt.
Gegenüber Autoritäten hat Walter Frosch nie die Klappe gehalten. Kurzzeitig war er mal bei Bayern München unter Vertrag, da soll er den Jupp Kapellmann mal mit einer Ohrfeige eingenordet und sich mit Udo Lattek folgenden denkwürdigen Dialog geliefert haben:
Lattek: „Warum flankst du nicht mit links?“
Frosch: „Weil die anderen das auch nicht machen.“
Lattek: „Wenn du keine Lust hast, dann geh duschen.“
Frosch: „Mach ich.“
Frosch landete nach einem durchaus dubiosen Vertragszwist und 4 Monaten Sperre wieder in Kaiserslautern, wo er Jupp Derwall auffiel, der ihn in die B-Nationalmannschaft berief. Mit einem souveränen „Ein Walter Frosch spielt entweder in der A-Mannschaft oder in der Weltauswahl!“ beendete Frosch seine Länderspielkarriere, bevor sie begonnen hatte.
Nach zwei Jahren Lautern verabschiedete sich Frosch Richtung St. Pauli. Böse Zungen behaupten, dass sein Vereinswechsel ursächlich mit einer Lauterer Animierbar zu tun gehabt habe. Frosch soll mit der Chefin der Bar ein schwunghaftes Verhältnis gehabt haben, und so kam es, wie es kommen musste: Immer wenn Frosch seine Freundin auf der Arbeit besuchte, soll er dort honorige Herrschaften aus dem Vorstand angetroffen haben, denen das schließlich so peinlich war, dass sie Frosch nahelegten, den Verein zu wechseln. Aber das sind selbstverständlich nur böswillige Gerüchte, genauso wie z. B. die Geschichte mit Töpperwien und dem Hundehalsband, daran ist bestimmt kein Wort wahr.
Egal, wie der Transfer zustande kam, in St. Pauli fand Frosch seine Heimat, sowohl im Stadion wie ums Stadion herum, hier wurde er endgültig zum Kult- und Kiezkicker, hier wechselte er nach der Fußballkarriere von vor dem Tresen nach hinter dem Tresen und wurde Kneipier.
Doch seit einigen Jahren kämpft Frosch gegen einen noch härteren Gegner als die Kneipe: die sechzig Zigaretten, die er schon in seiner aktiven Zeit täglich rauchte, forderten ihren Tribut, er musste sich mehreren schweren Krebsoperationen unterziehen. 2008 schien das Spiel für ihn gelaufen zu sein: Sepsis, Organversagen, über hundert Tage Koma. Doch Frosch kam zurück, musste mühsam wieder gehen und sprechen lernen, aber er ist zurückgekommen.
Walter Frosch hat sich den Tod ganz genau angesehen. Der bleibt seitdem in der eigenen Hälfte. Walter Frosch wird am Sonntag 60.

In der Wüste

FIFA-Dämmerung in Katar

„In der Wüste gibt es keine Fußball-Tradition, keine Fans, wahrscheinlich nicht mal einen Ball. Es gibt nur Sand und Geld, beides reichlich, und man darf wohl davon ausgehen, dass der Sand die Fifa-Exekutive nicht besonders interessiert hat.“
Sven Goldmann im Tagesspiegel

Damit ist eigentlich alles gesagt, was zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar zu sagen ist. Dass Blatter und seine Leute sich einen Dreck um Traditionen scheren, dass sie den größtmöglichen Profit über das stellen, was sentimentale Fans wie unsereins die Seele des Spiels nennen, ist nichts neues. Geschenkt. Aber eine Scheiß-Wut hab ich trotzdem.
Andererseits nötigt einem die Chuzpe, mit der „Slippery Sepp“ eins der bedeutendsten Sportereignis dieser Welt an einen Zwergstaat ohne Fußballstadien vergibt, der etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist, in dem ein Alkoholverbot herrscht und der Homosexualität unter Strafe stellt – um nur einige der Highlights des zukünftigen Fußball-Mekka (sic!) zu nennen – nötigt mir beinahe schon wieder Bewunderung ab.
Und eine gewisse Erleichterung verspüre ich darüber, dass 2018 und 2022 vermutlich, hoffentlich die letzten beiden Weltmeisterschaften waren, die nach dem System Blatter vergeben wurden. „Es kann nur besser werden“, hätte ich beinahe geschrieben, aber meistens wird es schlechter, wenn man diesen Satz sagt, schreibt oder denkt. Wenn schon nicht besser, dann muss es wenigstens anders werden.
Das Spiel gehört nicht irgendwelchen alten Säcken aus Exekutiv-Komitees, die von einer VIP-Loge in die andere taumeln. Das Spiel gehört auch nicht den Spielern, nicht dem millionenschweren Profi, nicht dem Amateur, der sich sonntags früh auf irgendeinem Aschenplatz die Lunge aus dem Leib rennt. Das Spiel gehört auch nicht den Zuschauern, nicht den Dauerkarteninhaber in den Bundesligastadien, nicht den Rentnern neben den Trainingsplätzen, erst recht nicht den krakeelenden Besserwissern vor den Fernsehern. Das Spiel gehört niemandem allein, das Spiel ist sogar noch mehr als die Summe derer, die es lieben. Deshalb wird das Spiel auch diese Weltmeisterschaft überleben, vielleicht nicht unbeschadet, aber das Spiel wird es auch nach Katar noch geben.
Spätestens dann wird es aber Zeit, dass der Fußball sich von der FIFA erholt.

Foto: Katharina Wieland Müller/pixelio.de