Was liegt an? – 31.1. bis 6.2.2011

Ab sofort jeden Montag auf „Männer unter sich“: die Wochenvorschau, eine subjektive Auswahl von Dingen, die Männer in den nächsten Tagen interessieren könnten.

Was nächste Woche auf uns zu kommt.

Heute Abend läuft im ZDF eine kleine, schwer unterschätzte Action-Perle: „Tödliche Bedrohung“ von Roger Spottiswoode, mit Sidney Poitier und Tom Berenger. Extrem spannende Ganovenhatz durch die Rockies, tolle Bilder, kernige Sprüche, saubere Kumpel-Action, wer den noch nicht kennt, sollte einschalten, ist aber auch was zum Nochmalgucken.
Ansonsten kann man diese Woche mal wieder in die Kneipe gehen, Skatspielen oder endlich mal den Hobbykeller aufräumen, in der Glotze läuft unter der Woche nur Quark. Höchstens am Mittwoch könnte man noch „Fantomas bedroht die Welt“ um 20 Uhr 15 auf „Das Vierte“ einschalten, leicht angestaubter, trotzdem abgefahrener 60er-Jahre-Kult mit Jean Marais und einem saukomischen Louis de Funés. Zum Ablachen.
Das männliche TV-Highlight der Woche ist der St. Pauli-Sonntag auf 3sat: ab 6 Uhr früh gibt’s 24 Stunden lang Reportagen, Dokus, Serien, Filme über Reeperbahn, Kiez und FC. Das dürfte Spaß machen.

Am Donnerstag stehen die Kino- und DVD-Neustarts an. „My Soul To Take„, der neue Wes Craven (erste Regiearbeit seit sechzehn Jahren!) kommt in die Kinos, ein Ticketkauf könnte für Horror- und Splatterfans lohnen. Die Betonung liegt auf „könnte“, der Film mit einem Plot, der stark an die „Nightmare on Elm Street“-Serie erinnert, hatte hundsmiserable Kritiken beim Start in den USA. Das will nix besagen, Scheiß-Kritiken haben Horrorfilme meistens, aber die Zuschauerzahlen waren auch nicht berauschend. Wie gesagt, Kino „könnte“, muss aber nicht.

Auch interessante DVD-Neuerscheinungen kann man diese Woche mit der Lupe suchen, man kann sich höchstens Stallones letzte Woche erschienene, höchst amüsante „Expendables“ (Seniorensportgruppe reist in eine Bananenrepublik und macht alles kaputt) nochmal angucken oder zu Hark Bohms vor über dreißig Jahren ins Kino gekommenem „Moritz, lieber Moritz“ greifen, ein schöner, manchmal stiller, manchmal wüster Film darüber, wie schwierig es sein kann, ein Mann zu werden.

Sportlich sind die ersten vier Wochentage ziemlich tote Hose, Australian Open sind durch, Alpine Ski-WM fängt erst nächste Woche an, Champions League hat noch Winterschlaf. Der Fußball-Junkie versucht heute Abend bei Augsburg-Bochum sportliche Glanzlichter zu erspähen (könnte schwer werden) und so dem Cold Turkey vorzubeugen, denn es geht erst am Freitag weiter, dann aber ordentlich mit dem Bundesligaspiel der Woche, dem Revier-Derby Schalke-Dortmund. Sportlich scheint’s eindeutig, Dortmund hat ein Heimspiel und einen Lauf, Schalke hat eine Dauerkrise, das sollte eine klare Sache sein, aber da Magath nicht zwei Derbys in einer Saison verlieren will, könnte der Freund reiner, sinnenfroher Gewalt auf seine Kosten kommen. Kampfspiele sind nicht ohne, vielleicht wird’s ja doch spannend. Den Sonnabend überbrücken wir mit solider Bundesliga-Routine, am Sonntag ist in Hamburg Derby und schließlich – kurz vor Wochenschluss – überträgt die ARD ab 23 Uhr 15 von 3sat das Highlight der Woche: Superbowl. Green Bay Packers gegen Pittsburgh Steelers, in der Halbzeitshow die Black Eyed Peas. Viel Spaß!

Nachtrag: Im Tempodrom in Berlin finden ab Donnerstag die German Masters im Snooker statt, Eurosport überträgt live. Danke an mandarun für den Hinweis!

„Was liegt an“ ist die montäglich erscheinende Wochenvorschau von „Männer unter sich“. Was Männer in den nächsten 7 Tagen interessieren könnte in total subjektiver Auswahl: TV, Sport, Kino, Musik, DVD, Events, was eben anliegt. Haben wir was vergessen? Sollen wir auf was hinweisen? Jederzeit gern, bitte die Kommentare benutzen oder unsere Mailadresse redaktion@maenneruntersich.de .

Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Wo Mann gewesen sein muss: Westfalenstadion, Dortmund

Das Westfalenstadion (Signal-Iduna-Park)

Fußball kannst du nur im Stadion fühlen. Fußball im Fernsehen ist ganz okay, wenn deine Mannschaft spielt, wenn’s live übertragen wird, wenn’s um was geht, wenn du mit ein paar Freunden guckst… ist okay.
Beim Public Viewing ist die Stimmung besser, es gibt Bier vom Fass, da kannst du schon mal das Anstehen wie im Stadion üben, aber seien wir doch mal ehrlich: Sprechchor, um ’ne Videowand anzufeuern, ist doch irgendwie suboptimal, oder?
Nur im Stadion erlebst du das Spiel unmittelbar, und du passt besser genau auf, denn wenn du dich gerade umdrehst, um deinem Hintermann irgendwas zu erzählen, und es passiert was wichtiges auf dem Rasen, dann hast du’s verpasst. Hier gibt’s keine geschmeidig eingespielten Zeitlupen, die dich auf den Stand bringen, deshalb wird vorher gepinkelt, und/oder in der Halbzeit, logisch. Im Stadion ist über die volle Länge Nettospielzeit, und das ist gut so.
Überhaupt kannst du nur im Stadion das Spiel richtig sehen. Wenn du einer dieser Fans bist, die brüllen und die Arme hoch reissen, wenn ein Tor fällt, und ansonsten rumhockst, aufs nächste Tor wartest und „Scheißspiel“ murmelst, ist das für dich nicht wichtig, aber im Stadion siehst du das ganze Spiel. Auch das ohne Ball. Die Philosophie mit der ein Team spielt, das Konzept. Wer die Räume zumacht, wer in die Manndeckung genommen wird, wer den freien Raum sucht und wer ihn findet, wie Spielzüge vorbereitet werden, wie die Momente entstehen, wegen denen man ins Stadion kommt. Okay, das kann man auch am Fernseher sehen, aber im Stadion sieht man’s besser. Ganz ohne Super-Slomo.
Und was du nur im Stadion erlebst: wie es eins wird. Wie aus tausenden Individuen, nüchternen, besoffenen, klugen, doofen, gelangweilten, enthusiastischen, gehemmten, extrovertierten, wasweißdennich, jedenfalls total unterschiedlichen Menschen, plötzlich eine Einheit wird, die Fußball lebt, fiebert, atmet, die gemeinsam spürt, dass gleich etwas geschehen muss, die herbeizuschreien versucht, was sie erleben will, die wegschreit, was nicht sein darf…
Alles in allem: Kerle, die den Fußball von ganzem Herzen lieben, gehören ins Stadion. Nirgendwohin sonst.
Nur: In welches? Wir haben ja ein paar hierzulande.
Die Frage ist einfach zu beantworten: jedes Stadion, in dem der Verein spielt, für den dein Herz schlägt, ist das richtige Stadion. So einfach ist die Welt.
Und doch gibt’s das ein oder andere Stadion, wo man mal gewesen sein möchte, weil…
Weil hier Geschichte geschrieben wurde. Spiele gespielt wurden, über die man nach Jahren oder gar Jahrzehnten noch spricht. Weil es Orte sind, in denen Triumph und Tragik aufeinander trafen und Fußballmythen entstanden.

Flutlicht. Ein Muss.

Ein solches Stadion in Deutschland ist das Westfalenstadion (heißt derzeit wg. Liquiditätsbeschaffung Dingsbums-Park oder so). Das Ding mit der Südtribüne, der „gelben Wand“ gegen die keine Mannschaft dieser Erde gerne anspielt. Man kann gegen die Dortmunder sagen, was man will, aber: Von Fußballstimmung verstehen sie was. Das können sie.
Endgültig zum Mythos wurde das Westfalenstadion 2006. Es begann in der Vorrunde, bei Deutschland-Polen, natürlich in der 91. Minute, als Odonkor die Linie entlang ging und ging und ging und den Ball dann in die Mitte hämmerte, die Flanke seines Lebens schlug, präzise, wie er’s gar nicht konnte, auf Neuville’s Fuß, der den Ball ins Netz donnerte, was für ein Tor, was für ein Augenblick, die Geburtsstunde eines Traums, da dachte jeder, mein Gott, sie können’s schaffen, sie können über sich hinauswachsen, da ist was drin, wir sehen uns im Halbfinale.

Born on the 4th of July: Mythos Dortmund

Und die Geschichte vollendete sich im Halbfinale, wieder in Dortmund, ausgerechnet gegen Italien, wie „Ausgerechnet Schnellinger!“ 26 Jahre vorher in Mexico, und wieder ging es in die Verlängerung, aber diesmal konnte nichts passieren: Mythos Dortmund! Noch nie hatte eine deutsche Nationalmannschaft hier verloren, im Westfalenstadion sind wir unschlagbar, Mythos Dortmund!

119. Minute: Grosso.

Wir sind unschlagbar. Mindestens noch eine Minute, das ist zu schaffen, wir brauchen doch nur ein Tor, der Ausgleich langt fürs Elfmeterschießen, das packen wir, jetzt wird Geschichte geschrieben, Mythos Dortmund!

120. Minute: Del Piero.

Es sind die herzzerreißenden Niederlagen, in denen Fans und Mannschaft wirklich zusammenwachsen. Erst jetzt, mit dem Ende der Unschlagbarkeit, wurde der Mythos Dortmund wirklich geboren.
Was für ein Ort. Wem hier keine Träne ins Auge steigt, der hat nicht gelebt.

Dies ist der zweite Teil einer Serie über Orte in Deutschland, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Wenn wir genügend Orte vorgestellt haben, planen wir eine Abstimmung über die Top-Ten der deutschen Männer-Locations. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail.
Bisher erschienen: Bobbahn Altenberg

Fotos:

Panorama by DerHans04 (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons
Nachts by Chin tin tin (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons
4. Juli  by Urby2004 (Own work (taken by me)) [GFDL , CC-BY-SA-3.0or CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Überleben im Dschungel der Großstadt: Endzeit im Berliner Corinth Bistro

Endlich erreicht: das Ende der Fast-Food-Fahnenstange

Das Corinth Bistro residiert in den Räumen eines ehemaligen sudanesischen Imbisses, der hier in dieser abseitigen Ecke des unvergleichbar trübsinnigen Netto-Discount-Gebäudes sang- und klanglos eingegangen ist.

Mit dem Namen Corinth Bistro nimmt das Lokal wenig pfiffig Bezug auf die Corinthstraße, in welcher es ansässig ist – eine mutige aber wenig erfrischende Namenswahl vor dem Aspekt, dass man derart manifestierte Einfallslosigkeit in Berlin fast an jeder Ecke findet – von Eckkneipen bis zu Currybutzen – und diese Kaschemmen ausnahmslos ganz furchtbar übel beleumundet sind.

Man konzentriert sich hier sehr konservativ auf volksnahe Gerichte wie Döner in Fladenbrot- oder Dürüm-Version, Currywurst, Pommes, Fertigsalate, Schnitzel, mithin also arttypisches Imbiss-Portfolio ohne Überraschungen.

Das Bistro wirkt auf den ersten Blick leicht vereinsamt. Traurige Boulevardblätter vom Vortag wehen unmotiviert auf den nachlässig geputzten Tischen umher, der örtliche Verticker ukrainischer Stahlwolle-Kippen steht am Daddelautomaten und verzockt seine Tageseinnahmen, sonst ist hier nur selten jemand zu sehen, den man im weitesten Sinne als Gast identifizieren könnte.

Es kostet Überwindung, hier einzukehren. Schon rein äußerlich entsteht der Eindruck einer Wartehalle – kahle Wände absolut unpassend in hellem Rosa gestrichen, weiße Zahnarzt-Deckenplatten, Neonlicht. Knastkantinenatmosphäre.

Vielleicht hat man seitens des Inhabers darüber hinaus auch nicht den idealen Standort für einen solchen Imbiss gewählt. Der Netto Discounter zieht in der Regel Publikum an, welches lieber das Schnitzel in flüssiger Form – verkörpert durch das obligatorische Sternburger Pils – gerne direkt und sofort auf dem Vorplatz verzehrt, aber feste Nahrung – zumindest zu den regulären Öffnungszeiten – wohl eher mit Missachtung straft. Und wer sich mehr leisten kann, isst hier nicht.

Dementsprechend ist der Dönergrill oft ausgestellt und wird erst befeuert, wenn sich tatsächlich mal ein Gast hier zum Essen niederlässt. Das hat zur Folge, dass der bereits vor einiger Zeit angekokelte, aber inzwischen erkaltete Dönerspieß von neuem von der Flamme geküsst und das Fleisch – es handelt sich natürlich um simples Hack, keine Schichtung – so mit einer zweiten außergewöhnlich krossen Schicht bedacht wird.

Dieses Fleisch gibt aus Protest über diese Vergewaltigung jegliche Flüssigkeit samt jeglicher rudimentär eventuell irgendwann mal vorhandener Geschmacksansätze komplett ab und fabriziert beim Verzehr einen merkwürdig brackigen Gesamteindruck, der noch über Stunden nachwirkt.
Das Fladenbrot wird in konsequenter Weiterführung der Well-done-Philosophie derart großzügig getoastet, dass es eine leicht harte, schon fast unangenehm ins keksartige gehende Konsistenz herausbildet, in deren Folge größere Nuggets abbrechen und sich auf dem Teller zu moderner Kunst zusammenfinden können.

Die Schichtung des Dönerinhalts ist hingegen originell und konnte so bisher noch nirgendwo festgestellt werden: Es wird jegliche Mischung konsequent vermieden, astreine Apartheid der Zutaten – nur ohne Zaun, eine Schichtung quasi quer zum Fladenbrot, so dass ein Verzehr der einzelnen Inhalte in entgegengesetzt chronologischer Reihenfolge unter fast archäologischen Gesichtspunkten möglich ist – zuerst das als letztes aufgeschichtete Fleisch, dann folgt eine Schicht Gurkenstäbchen, dann Salat und zum Schluss befinden sich nur noch die Zwiebelfossile in der nichtssagenden Industriesoße. Ein Wechselbad der Geschmacksgefühle eingelegt in dicker Kräutersahne.

Die Currywurst mit Pommes ist nicht nur billig, sondern auch nicht gut – eine Eigenschaft, die sie mit dem Schnitzel in absolut perfekter Synchronisation teilt.

Auf ein Wort zum Schnitzel: Die völlige Diskrepanz der Abbildung auf der Werbetafel und seiner tatsächlichen Gestalt kann man je nach Gemütslage als Euphemismus oder Kriegserklärung auffassen. Was sehen wir? Wir sehen auf der Werbetafel ein saftiges Schnitzel, frisch geschnitten aus dem ganzen Stück und nach dem Panieren direkt von der heißen Pfanne goldbraun saftig geküsst.
Auf dem Teller entpuppt sich das traurige Endprodukt als frittiertes billigstes Formfleisch mit Industriepanade – wahrscheinlich direkt ohne Umwege aus dem Tiefkühler des Netto Discounters nebenan -, welches im Rahmen des Frittiervorgangs die Konsistenz eines Briketts annimmt, wobei die Panade zum einen steinhart als auch seltsam schwarz-dunkelorange in der Optik wird und das weiße Fleischbrät im Inneren – es könnte sich sowohl um Schwein als auch um Hähnchen handeln, vielleicht auch um Tofu oder eine Mehlmasse – völlig austrocknet. Es ist keinerlei Eigengeschmack festzustellen außer einem leicht brackigen Fettaroma im Abgang.

Auch die Pommes ergeben ein trauriges Bild. Bar jeden Geschmacks fällt vor allem angesichts der erschreckend niedrigen Qualität – wahrscheinlich kommt auch hier wieder der Tiefkühler des Netto Discounters ins Spiel – die Abwesenheit von Salz negativ ins Gewicht, was das auch hier wieder vorzufindende brackige Fettaroma zu dominant in Szene setzt und noch lange nachwirken lässt.

Die Currywurst besteht aus einer Bratwurst, die aus dem rohen Zustand frittiert und danach mit Ketchup und Currypulver geduscht wird. Das ist zwar technisch ein nicht unüblicher Vorgang, geschmacklich ist das aber einfach nicht gut und es tut schon weh, der Zubereitung zuzuschauen.

Und das Hähnchen … ja, das Hähnchen … was soll ich sagen, es verbringt sehr viel Zeit im Hitzekarussell – vielleicht sogar über Nacht, so dass im Laufe des langwierigen Garvorgangs die hemmungslos überwürzte Haut labberig und das Innere leicht trocken wird. Es ist kein völliger Totalausfall wie das Schnitzel, aber gut ist das auch nicht.

Nicht gut.

Diese beiden Worte ziehen eine Schneise durchs Corinth Bistro.

Endzeit, Freunde, dort riecht es nicht nach Aufbruch, es stinkt nach Untergang.

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Foto: wrw / pixelio.de


Fock vorne mit Gorch

Gorch Fock im Dunkeln

ganz schön finster

Seit ein paar Tagen werden hierzulande Diskussionen geführt, die mich ein wenig verwundern. Zum Beispiel wundern mich junge Menschen, die zum Militär gehen und überrascht sind, dass dort ein rauher Umgangston herrscht. Ebenso wie Zeitungen, die sich über diesen rauhen Umgangston aufregen. Leute, das ist das Militär!
Ich selbst bin ein höchst unmilitärischer Mensch und war deswegen nie bei irgendeiner Armee angestellt, ich habe aber eine erkleckliche Menge Bücher gelesen und jede Menge Filme gesehen, die sich am Thema Militär/Krieg/Soldaten abgearbeitet haben. Und in keinem dieser Bücher wird das Soldatendasein als fröhliches, respektvolles Miteinander von Offizieren und gemeinen Soldaten geschildert, in dem ständig “Bitte” und “Danke” gesagt wird. Ebenso sind mir keine Filme bekannt, in denen militärisches Tun als irgendwie nach dem Bock-Prinzip ablaufende basisdemokratische Veranstaltung (“Och nö, nicht schon wieder Panzer putzen, ich möchte heute mal in der Gegend rumballern!”) geschildert wird. In den meisten Filmen, die Militär, Krieg und vor allen Dingen die Soldatenausbildung zum Thema haben, erlebt man strenge Hierarchien und geisttötenden Drill, der den Anfänger im Soldatendasein zu absolutem Gehorsam erziehen soll. Auch Ausbilder, die ihre Schutzbefohlenen bis an ihre Grenzen treiben, sind in Filmen und Büchern, die sich mit dem Militär befassen, die Regel, nicht die Ausnahme. Ich wusste schon, warum ich als junger Mensch mit dem Militär nix am Hut haben wollte.
Ebenso wundert es mich nicht wenig, wenn junge Menschen sich für den Dienst auf einem Segelschulschiff melden und dann überrascht sind, dass man von ihnen z. B. erwartet, Decks zu schrubben, dass man sie anschreit oder bizarren Ritualen wie einer “Äquatortaufe” unterzieht. Und genauso wundern mich Zeitungen, die erschrocken über diese Zustände berichten.
Die christliche Seefahrt kenne ich auch nur aus Büchern und Filmen, aber dass an Bord gelegentlich Alkohol in größeren Mengen konsumiert wird, habe ich bereits aus “Jim Knopf und die Wilde 13” (“Yohoho, und ‘ne Buddel mit Rum!”) erfahren. Dass mehrmastige Segelschiffe nur manövriert werden können, wenn zahlreiche Menschen koordiniert oben in der Takelage herumklettern und dort die Segel hissen und reffen, sollte ebenfalls auch einem nautischen Laien klar sein. Und dass das Leben auf so einem Schiff eine Belastungsprobe ist, ja um Himmelswillen, muss man wirklich Kadetten und Journalisten den Unterschied zwischen der Marine und dem Traumschiff erklären? Als volljähriger Mensch hat man zu wissen, dass man Fock vorne mit Gorch schreibt.
Vor einiger Zeit sprach ich mit einem fast volljährigen Menschen, der dabei war, sich für eine Ausbildung zum Tänzer zu entscheiden. Der Kerl besuchte seit Jahren eine Ballettschule, hatte seinen Körper trainiert und wusste, was ihn in der Ausbildung zum Profi und später im Beruf erwarten würde: eine menschenverachtende Schinderei, gefolgt von – das nötige Glück immer vorausgesetzt – ein paar Jahren Tanzen auf der Bühne, und dann, wenn der Körper nicht mehr mitmacht, Choreograph  oder Tanzlehrer oder Garderobier oder irgendwas. Der junge Kerl wusste Bescheid, der hatte über seinen zukünftigen Beruf nachgedacht.
Kann es wirklich sein, dass wir mittlerweile die Realisten zum Ballett und die Traumtänzer zum Militär und in die Zeitungsredaktionen schicken?

Foto: Ralf Luczyk / pixelio.de

Handstand vorm Spiegel

Harald Effenberg ist Schauspieler, er lebt und arbeitet in Berlin. Fernsehzuschauern ist er unter anderem aus der “Comedy-Falle” oder aus “Hallervordens  Spott-Light” bekannt. Sein Witz-Programm “Unter aller Sau” lief mehrere Monate lang in den Berliner Wühlmäusen. Effenberg, der nur unsportliche Verwandte hat, ist Autor des Buchs “Die 100 besten Witze aller Zeiten“.

Männeressen: Steak Tatar

Rohkost, wie wir sie mögen: Tatar

Es gibt wenige, ach Quatsch, kein Gericht, dass archaischer, männlicher ist als das Steak Tatar. Wenn wir rohes Rindfleisch mit einem ebenfalls rohen Ei und kräftigen Gewürzen mischen und es ohne Umweg über eine heiße Herdplatte verzehren, dann können wir uns unseren jagenden und sammelnden Vorfahren so nahe fühlen wie selten sonst. Das macht Spaß, und das schmeckt!
Seinen Namen hat dieses typische Männeressen von den Tataren. Die sollen, so geht die Sage, ihr Fleisch unter den Sätteln ihrer Pferde weichgeritten und roh verzehrt haben, eine Zubereitungsmethode, die ich nicht empfehlen kann. Ich habe dieses Rezept getestet, als ich im Alter von ca. zehn Jahren erstmals von ihm hörte, indem ich eine Scheibe Rindsroulade auf meinen Fahrradsattel legte und von Eschwege nach Wanfried und zurück gefahren bin. Das Fleisch wird bei dieser Prozedur nicht annähernd weich, dafür ist die Hose ruiniert und der Fahrradsattel erinnert über Monate hinweg durch einen eigentümlichen Geruch an dieses Experiment.
Die Gastronomie wusste also, was sie tat, als sie das tatarische Originalrezept abwandelte, und dem so entstandenen klassischen Männergericht war über Jahrhunderte hinweg (zum ersten Mal taucht das Tatar Mitte des 19. Jahrhunderts in den Kochbüchern auf) ein schöner Erfolg beschieden. Bis vor wenigen Jahren war das Tatar ein Klassiker der bürgerlichen Küche, das Gericht stand auf zahllosen Speisekarten, und wenn Vati es sich gutgehen lassen wollte, brachte er vom Fleischer ein Päckchen durchgedrehtes Filet mit, und machte es sich zuhause an.
Womit wir bei den zwei Grundpfeilern wären, die für den Erfolg dieses Gerichts verantwortlich sind:
1. Rinderfilet, sonst nix!
2. Do-it-yourself ist die andere Hälfte der Miete.
Der Einkauf ist das schwierigste bei der Tatar-Zubereitung, denn eine Tresenkraft im Supermarkt dazu zu kriegen, einem ein Stück gut abgehangenes Rinderfilet durch den Wolf zu drehen, ist keine kleine Aufgabe („Det schöne Filet, nehmse doch von unsern Schabefleisch, det jeht doch ooch!“). Hier heißt es mannhaft insistieren, denn Schabefleisch oder wie auch immer Gehacktes vom Rind gehen gar nicht, weil zu fett und damit zu aufdringlich. Das Fleisch soll sich mit den Gewürzen vorteilhaft verbinden, und dafür müssen wir eben tief in den Geldbeutel langen (Theoretisch lässt sich auch das sogenannte Bürgermeisterstück zu einem akzeptablen Tatar verarbeiten, aber bis man der Tresenkraft im Supermarkt erklärt hat, was ein Bürgermeisterstück ist, hat sie das Filet dreimal durchgedreht.)
Zuhause angekommen legen wir unser durchgedrehtes Filet in einen tiefen Teller, an dessen Rand wir die Pflicht-Gewürze platzieren: Zwiebel (ich nehm Frühlingszwiebeln oder Schalotten, mir ist die Küchenzwiebel zu penetrant für dieses feine Essen), Kapern und Anchovis, alles schön kleingeschnitten und ein Löffelchen scharfes Paprikapulver. Optional kann man noch Senf und/oder Ketchup mit auf den Teller geben, dann wird eine Kuhle ins gehackte Fleisch gedrückt, in diese Kuhle platzieren wir ein rohes Eigelb und dann tragen wir das Tatar zu Tisch. Dort stehen wenigstens Salz, Pfeffer und Zitronenschnitze, und wer Lust und Laune hat, kann auch Olivenöl, Essig, Weinbrand, Tabasco oder Worcestersauce (küchentechnisch korrekt „Wortschästersause“ auszusprechen) zum Anmachen des Fleischs bereitstellen.
Das alles verrühren wir dann mit einer Gabel und verzehren es. Natürlich kann man ein Tatar auch in der Küche anmachen, aber Basteln macht doch viel mehr Spaß, wenn andere dabei zugucken. Als Beilage empfiehlt sich geröstetes Graubrot oder ein Roggenbrötchen, sonst nix. Und als Getränk ein schönes kaltes Bier oder – mein Favorit – ein gereifter Rotwein mit ordentlich Muskeln. Aber Vorsicht, nicht jeder Rotwein verträgt sich mit dem rohen Ei, nie war der Probierschluck so wesentlich wie hier.
Und sollte irgendjemand versuchen, dem Kerl, der sich sein Steak Tatar einverleibt, ein schlechtes Gewissen einzureden („Um Himmelswillen, rohes Fleisch! Wie kannst du nur! Die armen Tiere, deine Gesundheit, die Umwelt…“) beenden zwei Argumente zuverlässig und archaisch jedes Diskussion:
1. Es ist Rohkost.
2. Tatar schont die Umwelt: der Herd bleibt aus, wir sparen Strom.

Foto: Chris Kurbjuhn

Das italienische Rätsel

Zwei Gläser ein Gedanke

Zwei Gläser, ein Gedanke

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird: warum trinken die Italiener in der Trattoria Wasser aus großen und Wein aus kleinen Gläsern?
Die Antwort ist verblüffend einfach: Sie können nicht aus ihrer Haut heraus, weder beim Wein noch beim Fußball. Wichtig ist die Defensive (Wasser), von der Offensive (lecker Wein) brauchen sie nicht so viel.
Darauf bin ich gekommen, als ich kürzlich mit einem italienischen Kollegen die größten Fußballspiele aller Zeiten durchdeklinierte. Und bei diesem Thema komm ich unweigerlich auf das „Wunder von der Grotenburg“ zu sprechen, ein unglaubliches, mitreißendes Europacup-Rückspiel von Bayer Uerdingen (ja, Bayer Uerdingen!) gegen Dynamo Dresden im Jahr 1986, wenn ich mich recht entsinne. Das Hinspiel in Dresden hatten die Uerdinger Nullzwo versemmelt, und so versammelten meine Fußballkumpels Patrick, Andi und ich uns erwartungsfroh vor dem Fernseher. Ein Nullzwo aufzuholen war jederzeit machbar, und deshalb versprachen wir uns ein aufregendes, offensiv geführtes Spiel, zumal Uerdingen seinerzeit von dem gern offensiv agierenden Kalli Feldkamp trainiert wurde und mit dem – meiner Ansicht nach vollkommen zu unrecht in Vergessenheit geratenen – Matthias Herget einen begnadet offensivstarken Libero aufbieten konnte. Also, vor dem Fernseher gemütlich gemacht, Pilsbier geknackt, und die Party konnte losgehen.
Zur Halbzeit diskutierten wir, in welcher Kneipe wir den Abend fortsetzen sollten. Das Spiel war durch, die Dresdner führten 3:1, Uerdingen war ausgeschieden, da konnte man sich doch am Tresen ein frisch Gezapftes gönnen, und von vergangenen Europacup-Schlachten schwadronieren. Gottseidank griff jedoch eine übergeordnete Macht (Assauers ungerechter Fußballgott?) ein und ließ uns “Nur noch 5 Minuten, vielleicht passiert ja doch noch was …” vor dem Fernseher ausharren.
Ca. 45 Minuten später war mein Couchtisch Kleinholz (Ich hatte beidfäustig auf ihn eingehämmert, während ich ca. 10mal hintereinander “Das gibt’s doch nicht!” gebrüllt hatte.), Patrick, Andi und ich lagen uns in den Armen und versicherten uns ein ums andere mal, dass wir “so etwas ja überhaupt noch nicht” gesehen hätten. Die Uerdinger hatten in einem atemberaubend rauschhaften Sturmlauf in den zweiten 45 Minuten 6 Tore geschossen und die Dresdner mit 7:3 aus dem Europacup geworfen. Noch heute fehlen mir die Worte, um dieses unglaubliche Offensiv-Spektakel zu beschreiben, bei dem auf einmal alles, aber auch alles passte, was immer die Uerdinger auch anstellten. Und vor allen Dingen herrschte eine unglaubliche Stimmung. In der Grotenburg-Kampfbahn, in der Sprecher-Kabine des ausrastenden Kommentators und in meinem Wohnzimmer.
Ca. eine Viertelstunde nach Spielende klingelte es bei mir an der Tür. “Das ist Marjam!” rief Patrick, “Das erledige ich!” Marjam war seine damalige Freundin, die sich nicht für Fußball interessierte und deshalb die Spielzeit im Kino verbracht hatte. Patrick eilte zur Tür, riss dieselbe auf und rief: “Und das war jetzt das, was ich dir seit Jahren nahe zu bringen versuche: Erlebnis Fußball! Erlebnis Fußball, verstehst du? Aber du warst ja wieder mal nicht da!” Sprach’s, knallte der vollkommen verdatterten Marjam die Tür vor der Nase zu und kam zurück zu uns ins Wohnzimmer. “Der lange Paß von Herget auf Funkel, unglaublich!”, meinte er. “Sowas hab ich ja überhaupt noch nicht gesehen.”
Ja. So ein Spiel war das.
Und von diesem Spiel hatte ich meinem italienischen Kollegen erzählt, der sich diese Schilderung in aller Seelenruhe anhörte, gleichmütig nickte und „1:0 wär besser gewesen.“ sagte.
Wie gesagt, sie können nicht aus ihrer Haut raus, unsere italienischen Freunde. Weder beim Wein noch beim Fußball.

8 platte Skatsprüche – und wie man mit ihnen gewinnt

Und was ist Trumpf?

Wenn Männer Skat spielen ist es selten ruhig am Tisch. In weihevoller Stille werden eigentlich nur die Partien der Skat-Bundesliga ausgetragen, in den skatsportlich tiefer anzusiedelnden Runden geht es fast immer laut zu. Und repetitiv, denn wir Männer neigen dazu, unser Skat-Tun wieder und wieder mit den gleichen Worten zu erklären. Diese zwischen Grand und Null-Ouvert ausposaunten, abgedroschenen Skat-Plattitüden haben dennoch eines gemeinsam: wenn man sich an die dahinter stehende Taktik hält, gewinnt man. Meistens. Wir stellen die acht gebräuchlichsten Skat-Weisheiten vor.

  1. „Dem Freunde kurz, dem Feinde lang.“
    Wenn man nicht der Alleinspieler ist und rauskommt, sollte man sich vergewissern, wer denn in Mittelhand sitzt. Der Alleinspieler? Dann sollte man ihm mit eine langen Farbe (also eine, von der man viele Karten hat) vorspielen. Wenn er die Farbe nicht hat (wahrscheinlich) muss er stechen (ein Trumpf weniger) und der Mitspieler kann im Idealfall eine kleine Karte abwerfen. Sitzt hingegen der Mitspieler in Mittelhand, spielt man eine kurze Farbe (also eine, von der man wenige Karten hat) aus, in der Hoffnung, den Mitspieler so ans Spiel zu bringen und den Alleinspieler in Mittelhand zu bringen (fast immer eine gute Idee).
  2. „Von hinten immer eine neue Farbe.“
    Wenn man ans Ausspiel kommt und noch nicht klar ist, wie die Farben verteilt sind, ist es meist sinnvoll, eine Farbe auszuspielen, die bisher noch nicht auf dem Tisch lag. Auf einer Farbe bestehen und sie erneut ausspielen sollte man nur, wenn man damit eine konkrete Absicht hat. Solange man noch im Trüben fischt: neue Farbe bringen!
  3. „Wenn man kann, soll man.
    Wenn man einen Stich machen kann, dann soll man ihn auch machen. Wenn der Alleinspieler Pikbube ausspielt und man selber Kreuzbube hat, bringt es meistens nix, zu „tauchen“ und sich den Buben für später aufzuheben. Im Zweifelsfall immer den Stich machen, am Ende (siehe 8.) zählt jeder Punkt.
  4. Achter sind Gespenster.
    Der Alleinspieler spielt Null und sitzt in Mittelhand? Dann bringt man ihn am ehesten in die Bredouille, wenn man eine Acht vorspielt. Wenn man seine schwache Farbe erwischt, muss er schon die sieben spielen und die Farbe wird noch schwächer. Die Acht ist meist das unangenehmste Ausspiel beim Null.
  5. „Auf dem Tisch sterben sie!“
    Meistens bringt es nichts, die „Vollen“ (also Zehner und Asse) zurückzuhalten. Lieber mutig ein As einer bisher noch ungespielten Farbe vorspielen und sehen, was der Alleinspieler macht. Wenn er bedient, hat man den Vollen nach Hause gebracht, wenn er sticht, hat er einen Trumpf weniger. Es gelingt so gut wie nie, alle Vollen nach Hause zu bringen, also kann man ruhig mal einen ins Geschäft stecken.
  6. „Beim Grand spielt man Ässer oder man hält die Fresse.“
    Wenn man beim Grand am Ausspiel ist und ein As hat, dann gehört es sofort auf den Tisch. Entweder man kriegt es durch (prima), oder der Alleinspieler sticht (prima, nur noch drei Trumpf draußen) oder der Alleinspieler wirft ab (Prima, wohl trumpfschwach, der Gute!).
  7. „Trumpf ist die Seele vom Geschäft.“
    Wenn man selber der Alleinspieler und am Ausspiel ist, dann zieht man grundsätzlich Trumpf. Unerfahrene Spieler gehen gern „über die Dörfer“, d.h. sie spielen zuerst die Asse ihrer Fehlfarben, um sie möglichst schnell in Sicherheit zu bringen. Dieses Sicherheitsdenken ist in Wirklichkeit riskant.  Wenn ein Gegenspieler in einer Farbe tatsächlich blank ist, kann er sofort stechen. Wenn man ihm erst die Trümpfe rausgezogen hat, kann er das nicht.
  8. „Hinten kackt die Ente.“
    Alle engen Spiele werden mit den letzten Karten entschieden. Hier lauern die Punkte, die nötig sind, um ein Spiel mit 62 oder 64 zu gewinnen. Um diese Stiche machen zu können, muss man aber so gespielt haben, dass man jetzt noch die richtigen Karten hat, und das geht nur, wenn man mitzählt. Einem Skat-Anfänger scheint es unmöglich zu sein, alle Karten im Kopf zu behalten, aber mit ein wenig Übung ist es gar nicht schwer. Es sind nur 32 Karten, 8 von jeder Farbe. Die kann man sich merken. Die muss man sich merken, wenn man gewinnen will.

Foto: uschi dreiucker / pixelio.de

Überleben im Dschungel der Großstadt: Asia-Wok-Armageddon

Typische Reaktion auf die Nr. 23 ( Gebratene Nudeln mit Tofu)

Als ersten Eindruck des Asia-Imbisses am S-Bahnhof Treptower Park erfasst den geneigten Gast schon vor dem etwas abweisenden Eingang eine schwer greifbare Dunstwolke – einerseits erdrückend schwer und fettlastig, andererseits so filigran, dass sie sich schon vor Betreten des Lokals unlösbar an Jacke, Hose und sogar Schuhen festsetzt und mit Gewebe, Leder, Haut sowie Haaren eine nur noch mit einer Terpentindusche auflösbare Legierung bildet.

Optisch gleicht das Gebilde einem Geräteschuppen, der entweder noch aus Zeiten der Einwanderung der Hugenotten stammt oder als Kriegbeute beim Einmarsch der Wehrmacht aus einer ukrainischen Datschenkolonie geraubt wurde. Die Inneneinrichtung hingegen braucht den Vergleich mit der Suppenküche der Polytechnischen Oberschule Lichtenberg 1959 nicht zu scheuen. Wahrscheinlich ist es auch genau diese.

Ein Vergleich der Gesamterscheinung mit Star Burger – dem ungekrönten Kaiser der Verwitterung in Weißensee – drängt sich hier geradezu zwingend auf. Ermittlungen, wonach es hierbei um dieselben Betreiber handelt verliefen aufgrund unüberbrückbarer Sprachbarrieren im Sand.

In Sachen Sauberkeit fällt sehr schnell auf, dass man das Entfernen von Fettrückständen auf der Abzugshaube und in diversen, bereits schwarz eingefärbten Ecken für völlig überbewertet hält und so ergibt sich ein deutlich schmuddeliges Gesamtbild mit leichten Ausflügen ins Siffige in Form von einer fast unmerklich über sämtlichem Mobiliar hauchdünn gelegten Fettschicht und dezent staubigen Nuancen auf den Ablageflächen. Eine leichtes Schütteln gepaart mit der Angst, etwas anzufassen begleitet den Gast während des ganzen Besuches. Für durchschnittlich 2,50 – 5,00 € für die Mahlzeiten kommt das Vergnügen hier billiger als Geisterbahn auf der Kirmes oder Saw VIII im Kino. Gruselfaktor 10 für schmales Geld.

Kulinarisch hat man es geschafft, den ohnehin niedrigen qualitätsmäßigen Standard aller fiesen Glutamathöllen Berlins noch zu unterbieten. Die bemitleidenswerte mausgraue Masse aus Fett, Glutamat, Dosensprossen und Industriehähnchen bildet schon direkt hinter dem Gaumen einen trockenen, aber dennoch zähen Klumpen, so dass ich mir gerne eine Klempnerspirale in den Hals gedreht hätte, wäre eine solche zur Hand gewesen.

Das Publikum besteht den Preisen angemessen aus der sonst vor dem S-Bahnhof ziel- und planlos herumlungernden Trinkergenossenschaft, deren ehrenwerte Mitglieder auch hier ihr mittägliches Sternburg käuflich erwerben können, wobei sie sich in ihrer Sprachkompetenz auf dem Niveau der Gastgeber bewegen, welches sinnvolle Verständigung als eher nachrangig einzustufen scheint. Eine wenig kaufmännisches Flair blitzt im Laden nur dann auf, wenn sich einer der im Umkreis des Treptower Parks tätigen Drogendealer hier sein wohlverdientes Mittagessen gönnt.

Die Frage nach dem hoffnungslosestem Ort der Hauptstadt scheint bis auf weiteres beantwortet.

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Foto: Günter Havlena / pixelio.de

Der Mann am Swimmingpool

Harald Effenberg ist Schauspieler, er lebt und arbeitet in Berlin. Fernsehzuschauern ist er unter anderem aus der “Comedy-Falle” oder aus “Hallervordens  Spott-Light” bekannt. Sein Witz-Programm “Unter aller Sau” lief mehrere Monate lang in den Berliner Wühlmäusen. Effenberg, der nur unsportliche Verwandte hat, ist Autor des Buchs “Die 100 besten Witze aller Zeiten“.