Die ideale Frau

Harald Effenberg ist Schauspieler, er lebt und arbeitet in Berlin. Fernsehzuschauern ist er unter anderem aus der „Comedy-Falle“ oder aus „Hallervordens  Spott-Light“ bekannt. Sein Witz-Programm „Unter aller Sau“ lief mehrere Monate lang in den Berliner Wühlmäusen. Effenberg, der nur unsportliche Verwandte hat, ist Autor des Buchs „Die 100 besten Witze aller Zeiten„.

8, 9, aus… die zehn besten Box-Filme aller Zeiten

BoxhandschuheSeien wir ehrlich: 95 Prozent der Boxkämpfe, mit denen wir derzeit am Samstag abend gequält werden, kann man knicken. Wer will denn zum xten Mal sehen, wie ein Klitschko auf irgendwelches Fallobst eindrischt? Oder wie irgendein namenloser Boxer aus dem Sauerland-Stall mal wieder seinen Hang zum Pazifismus entdeckt, wenn er ein Ringseil sieht? Muss wirklich nicht sein.
Wenn Michael Buffer nervt, bleibt der Griff zur  DVD. Einen gut gemachten Box-Film kann man  immer anschauen. Hier sind meine Top Ten.

ausgezählt und nicht mehr in der Wertung:
Ali

Der Film über den größten Boxer aller Zeiten nicht mehr in den Top Ten? Leider ja. Trotz einer recht inspirierten Vorstellung von Will Smith: dieser Film gibt uns allenfalls eine Ahnung von dem einmaligen, federleichten Fighter, der Ali einmal war. Der Film geht über die volle Distanz (zwoeinhalb geschlagene Stunden) und ist entschieden hüftsteif, ganz im Gegensatz zu dem Mann, der wie ein Schmetterling tanzte und wie eine Biene stach.

10. The Hurricane

Den wollte ich eigentlich nicht in den Top Ten haben, weil ich Denzel Washington für einen gnadenlosen Langeweiler halte, und dieser Streifen ist sowas von gut gemeint und politisch korrekt, es ist zum Kotzen! Dummerweise ergreift er einen aber auch, wenn man länger als eine Viertelstunde zuguckt, und Washington ist diesmal mehr tatsächlich mehr gut als langweilig. Ein Box-Film der eigentlich nicht gut sein sollte, es aber trotzdem ist. Als Kontrastprogramm zu einem überflüssigen Klitschko-Fight kann man sich den jederzeit reinziehen

9. Golden Boy

Ein total idiotischer Plot (Junge, der tolle Geige spielen kann, kann auch toll boxen und muss sich entscheiden), ein kruder Genre-Mix (Coming-of-Age, Gangster, Boxen) und eine einigermaßen ungelenke Inszenierung… was will dieser Film in den Top-Ten? Nu ja, William Holden und Barbara Stanwyck reißen’s raus und haben das eigene Sub-Genre der Golden-Boy-Remakes (Junge, der irgendwas anderes besser kann, muss sein Geld mit Boxen verdienen) kreiert. Eins der Beispiele, wo der kopfschüttelnde Dramaturg widerlegt wird: ein Film, der gegen alle Regeln verstößt, und gerade deswegen Jahrzehnte überdauert.

8. Die Hölle ist in mir – Somebody up there likes me

„No one ever hit me harder than Rocky Graziano“, sagte Sugar Ray Robinson über den Mann, dessen Leben die Vorlage für diesen Film gab, und wir geben das Kompliment an den Mann weiter, der Graziano spielt, Quatsch, der uns Graziano mit süffisantem Grinsen in die Fresse haut: Paul Newman! Nobody hits us harder…
Und natürlich gewinnt dieser Film den Preis für den idiotischsten deutschen Titel. Der Typ, der von „Somebody up there likes me“ auf „Die Hölle ist in mir“ gekommen ist, muss 12 Runden gegen Tyson gegangen sein.

7. The Fighter

Stark beeindruckendes Bio-Pic über Boxlegende „Irish“ Micky Ward und seinen Weg vom „Sprungbrett“ (einem Boxer, den man auf dem Weg zur Titelverteidigung schlagen muss) zum Champion. Kaum zu glauben, dass der Film auf Tatsachen beruht. Kaum zu glauben, wie der Film die Wende vom düsteren Sozial-Drama zum Feelgood-Movie schafft. Kaum zu glauben, wie gut Christian Bale als cracksüchtiger Box-Trainer ist.

6. Million Dollar Baby

Okay, Frauenboxen. Selbstverständlich grenzwertig. Aber Hilary Swank hat einen gemeinen Punch drauf, she’s a contender. Und es ist ein Eastwood-Film. Es ist eine Schande, dass Eastwood nie selber einen Boxer gespielt hat (warum eigentlich nicht?), jetzt ist er zu alt, also ist „Million Dollar Baby“ das beste, was wir von diesem herausragenden Mann bekommen werden: den besten Box-Trainer-Film aller Zeiten. Der Schluss ist herzzerreißend.

5. Rocky

Stallone häuft Klischee auf Klischee und Zitat auf Zitat, aber irgendwie ist es ihm gelungen, mit dem Underdog-Haudrauf Rocky Balboa einen Charakter zu schaffen, der größer ist als er selbst. Echte Box-Fans schließen angesichts der Ring-Szenen, die eher an Wirtshausprügeleien als an tatsächlichen Boxsport erinnern, entnervt die Augen, aber wer Rocky Balboa nicht mag, hat kein Kämpferherz in der Brust. Das 1:1-30-Jahre-später-Remake „Rocky Balboa“ von 2006 ist die Mutter aller „Alter-Sack-kann-es-noch“-Filme.

4. When we were Kings – Einst waren wir Könige

Passt als Doku eigentlich gar nicht in diese Aufzählung, aber da es um einen der faszinierendsten Fights aller Zeiten geht, und niemand Foreman und Ali so gut spielen kann wie Foreman und Ali selber (sorry, Will Smith) geht Rang 4 wohl in Ordnung. Hat so ein gewisses „Wunder von Bern“-Feeling: Obwohl man genau weiß, wie’s ausgeht, fiebert man mit und drückt Ali die Daumen. Rope-a-Dope!

3. Gentleman Jim – Gentleman Jim, der freche Kavalier

Es ist unmöglich, ohne ein breites Grinsen auf dem Gesicht aus einem Errol-Flynn-Film  herauszukommen, und aus diesem schon gar nicht. Die augenzwinkernd-sportive Eleganz, mit der Flynn James J. Corbett (oder besser gesagt, einen Typen, der entfernt etwas mit dem tatsächlichen Jim Corbett zu tun hat) spielt, ist unnachahmlich. Und Ward Bond als John L. Sullivan (der mit seinem historischen Vorbild genauso wenig zu tun hat) gibt einen wunderbaren Antagonisten der Snidley-Whiplash-Klasse ab. Ein Riesenspaß.

2. Raging Bull – Wie ein wilder Stier

Knapp nach Punkten geschlagen: der zweitbeste Box-Film aller Zeiten mit dem besten Boxer-Darsteller aller Zeiten. Wie de Niro Jake la Motta spielt, ist schlichtweg atemberaubend, vor allen Dingen in den Szenen im Ring. Man sieht keinen Schauspieler, der einen Boxer spielt, man sieht einen vom Kampf besessenen Fighter, der alles gibt. Elektrisierend.

1. Champion – Zwischen Frauen und Seilen

Ein steinalter Kirk-Douglas-Film, den keine Sau kennt, soll der beste Box-Film aller Zeiten sein? Doch, unbedingt. Die Art und Weise wie Douglas hier den begnadeten Stinkstiefel Midge Kelly gibt, ist schlichtweg weltmeisterlich, wie der ganze Film: schmissige Musik, kernige Dialoge, kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bilder… der Film hat alles, was ein Fighter braucht: Technik, Stil, Punch, Power und Speed – so sieht der Weltmeister aller Klassen aus.

Foto: A. Dengs / pixelio.de

Die Stille nach John

Lennon Statue

Lennon-Statue vor dem Cavern Club in Liverpool

Am 8. Dezember 1980 saß ich nachmittags in meiner ersten Berliner Wohnung in der Skalitzer Straße 32 am Schreibtisch. Schöne Wohnung. Hellblau gestrichene Wände, Ikea-Regale, Rattanbett. Bastmatten auf den Dielen. Und alle paar Minuten donnerte die Linie 1 durch meine beiden Zimmer, denn die Wohnung lag Vorderhaus erster Stock.
Das Telefon klingelte, mein Bruder Thomas war dran. “Ich hab’s gerade im Radio gehört, jemand hat John Lennon erschossen.”
Das konnte nicht sein. Thomas musste sich verhört haben. Irgendjemand anders ist erschossen worden, aber doch niemand von den Beatles. Nicht John. Auf keinen Fall John. Ruhig bleiben. Ganz ruhig nachdenken. Welcher Musiker hat einen Namen, der so klingt wie John Lennon? War da nicht dieser Typ von Fleetwood Mac, der so ähnlich hieß?
Es gab damals weder Internet noch Nachrichtensender. Ich musste bis zur vollen Stunde warten, bis mir die SFB-Nachrichten die letzte Hoffnung raubten. Ich würde tatsächlich für den Rest meines Lebens ohne John Lennon auskommen müssen.
Ich hatte meine Hand schon am Plattenregal, wollte irgendeine Beatles-Platte auflegen, oder “Imagine” oder meinetwegen sogar die unsägliche “Live Peace in Toronto”, aber ich ließ es dann sein. Es würde in Zukunft sehr still sein ohne John Lennon und seine Songs. Besser, ich fing an, mich daran zu gewöhnen.
Ich hatte lange mit Lennon und seinen Songs gelebt. Für meine erste Beatlesplatte hatte ich mehr als ein halbes Jahr lang gespart. 22 DM waren damals sehr viel Geld für einen Achtjährigen, der schließlich Anfang 1965 „A Hard Days Night“ nach Hause trug, den „Zehn-Platten-Wechsler“ in der Musiktruhe anwarf und durch den ersten, rotzfrechen, gigantischen Gitarrenakkord (Georges zwölfsaitige Rickenbacker) in ein neues Universum geschleudert wurde.
Ein Universum, dass von John Lennon geschaffen worden war, wie ich später erfuhr, denn zehn von den dreizehn Songs auf „A Hard Days Night“ hatte er geschrieben. Nach wenigen Tagen kannte ich die Platte auswenig, nach wenigen Monaten kannte ich alle Beatles-Songs auswendig und fieberte dem Erscheinen jeder neuen Platte entgegen.

Eingang Dakota Building

Wo die Musik aufhörte

Und immer waren es die Lennon-Stücke, die für mich die Meilensteine waren. Help. Nowhere Man. In my Life. She Said She Said. Lucy in the Sky with Diamonds. Und – natürlich – A Day in the Life, der größte Song aller Zeiten.
Man erkannte Lennon-Songs immer daran, dass es die waren, in denen die Beatles ihre Grenzen erweiterten. Die anderen drei, das waren gute Freunde, die man sofort wieder erkannte, Ringo, der Clown, George, der Introvertierte, Paul, der Hit-Süchtige… Wenn man sich bei einem neuen Beatles-Titel fragte: „Wer hat den jetzt geschrieben“, war es hundertprozentig ein Lennon-Song, etwas wie Strawberry Fields. Dear Prudence. Julia. Come Together. Across The Universe. Und später, nach den Beatles, Imagine. Am 8.  Dezember 1980 hörten die Songs auf.
Viele Jahre später, am 4. Februar 2008 beamte die NASA „Across the Universe“ ins Weltall. Der Song ist mit einer Geschwindigkeit von 186.000 Meilen pro Sekunde zu einem Stern namens Polaris unterwegs, 431 Lichtjahre von der Erde entfernt. Lennons Musik jagt durch die Lautlosigkeit des Weltalls, eine ähnlich schreckliche Lautlosigkeit wie die, die wir auch seit 30 Jahren ertragen müssen. Seit die Schüsse vor dem Dakota Building fielen.

Foto Statue by George Groutas from Idalion, Cyprus (John Lennon Statue, Liverpool) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons
Foto Dakota Building by David Shankbone (David Shankbone) [GFDL, CC-BY-SA-3.0 or CC-BY-SA-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons

Na, dann Prost!

Scherben auf dem Bürgersteig

Hat's geschmeckt?

Es gab einmal eine klare Trennlinie, die die Welt in Privatsphäre und Öffentlichkeit teilte. Wenn man sich im öffentlichen Raum bewegte, war man sozusagen auf einer Bühne. Alles, was man öffentlich tat und sagte, war ein Mosaiksteinchen, und die Mosaiksteinchen des Handelns und Redens eines Mannes formten sich zu dem Bild, das er in der Öffentlichkeit abgab. Was privat war, blieb privat: in den eigenen vier Wänden, im Verein mit den Sportkameraden, in der Kneipe mit den Freunden, und wo noch überall – ich weiß es nicht, es war ja privat.
War. Denn vor nicht allzu langer Zeit, haben wir begonnen, die Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit aufzugeben. Männer begannen in unsäglichen Jogging-Anzügen in der Öffentlichkeit aufzutreten, in Outfits, in denen man sich eigentlich vor der eigenen Frau nicht präsentieren kann, ohne eine schneidende Bemerkung zu riskieren.
Mit der Ächtung des Tabakgenusses wurde auch das Rauchen systematisch auf die Straßen, in den öffentlichen Raum verlagert. War die Zigarette einmal Symbol des entspannten , weltläufigen Genießens, ist sie heute ein mit mehr oder weniger Schamgefühl ausgestelltes Requisit der eigenen Nikotinabhängigkeit: „Schaut her, die Sucht hat mich so sehr in den Krallen, dass ich mir 5 hastige Minuten an der zugigen Straßenecke abknapse!“
Auch das Telefongespräch, einstmals eine höchst private Eins-zu-Eins-Situation, hat der Mann in den öffentlichen Raum verlagert. Ungeniert werden intimste private oder geschäftliche Details in die Öffentlichkeit gebrüllt, es dürfen alle mithören – vor allen Dingen die, die es gar nicht hören wollen.
Soweit sind die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit mittlerweile verwischt, dass besonders verwirrte Zeitgenossen glaubten, wegen Fotoaufnahmen von zum öffentlichen Raum gehörenden Straßenfassaden lautstark die Wahrung ihrer Privatsphäre anmahnen zu müssen.
Es sieht also tatsächlich so aus, als hätten wir begonnen, unser Privatleben auf der Straße zu führen, eine schändliche Veränderung des männlichen Lebens, die von totaler Gedankenlosigkeit zeugt.
Mit der schlimmste Ausdruck dieser kreuzdämlichen Verwirrung von privat und öffentlich ist das Trinken von Bier und anderen Alkoholika in U-Bahn, Bus etc. Wohlgemerkt: niemand missgönnt dem arbeitenden Mann sein Feierabend-Bier, niemand will irgendwem den Wein oder gar den Single Malt verbieten, es stellt sich nur zwingend die Frage nach dem Ort, an dem man seinen Alkohol genießt. Wenn man sich zu Hause ein Bier genehmigt oder eine Kneipe aufsucht, um in netter Gesellschaft ein paar Gläser zu trinken, ja, um Himmelswillen, warum denn nicht?
Aber diese Typen, die um 16 Uhr in der U-Bahn ihre Bierpulle aus der Tasche ziehen, den Kronkorken knacken, die lauwarme Plörre mitten im Waggon in sich reinlaufen lassen und sich dann fröhlich rülpsend umgucken… was versuchen diese Männer der Öffentlichkeit zu signalisieren? Dass es vollkommen okay ist, sich gehen zu lassen? Dass der moderne Mann eine Instant-Befriedigung benötigt, wenn er Bierdurst hat? Oder dass eh schon alles egal ist, die Titanic sinkt, die Kapelle spielt, heidewitzka, Herr Kapitän?
Es ist höchste Zeit, sich wieder auf die Trennung von Privatem und Öffentlichem zu besinnen, bevor wir endgültig in der oberflächlichen Bequemlichkeit eines jede Entgleisung tolerierenden Laissez-faire versumpfen. Denn das drücken diese ganzen Jogging-Anzüge aus, die hastig auf dem Trottoir entsorgten Zigarettenstummel, die dahergestammelten Telefonate, das ungenierte Saufen in der Öffentlichkeit: ich möchte mir keine Gedanken machen, ich hab’s gern bequem.
Das Leben eines Mannes kann unendlich viele Facetten haben. Gedankenlosigkeit und Bequemlichkeit sollten keine Optionen sein.

Foto: Bardewyk/pixelio.de

Überleben im Dschungel der Großstadt: Star Burger

In der Serie “Überleben im Dschungel der Großstadt” begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Star Burger

Juten Morjen, Tristesse

Dass dieser Schuppen noch lebt, überrascht mich jedesmal wenn ich daran vorbeilaufe. Meistens trinken die üblichen Verdächtigen dort ihre Feierabend- bzw. Morgenmolle, allerdings sehe ich unfassbarerweise manchmal dort auch Leute essen.
Das Ding sieht aus als hätte man es 1990, als die Marktwirtschaft hier einzog, in der Eile errichtet und dann sich selber überlassen. Eine ständige Ausstellung im Innenbereich dokumentiert fotografisch die Aufbauarbeiten und die „Entwicklung“ im Laufe der Jahre.
Was sehen wir? Wir sehen eine verwitterte Baracke, die einen notdürftig selbstgezimmerten Eindruck hinterlässt und auf ihre Art eine Verzweiflung ausstrahlt, die man sonst nur in der Storkower Straße auf einer Linie nordwestlich des S-Bahnhofs Landsberger Allee auf Höhe des Pfenniglands vorfindet.
Man erwartet jeden Moment einen Dornenbusch vorbeiwehen und sucht vergeblich den Cowboy, der vor der Bude sitzend „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf der Mundharmonika zum Besten gibt. Endzeit, Leute. Sie wissen es nur noch nicht.
Die Burger sind uninspiriert gewöhnlich, dafür aber im Preis ambitioniert. Man hält den Hamburger bzw. Cheeseburger dort tatsächlich für ca. 30% wertvoller als die vergleichbaren Produkte bei Burger King oder McDonalds.
Die Wahrheit tut manchmal weh, Star Burger: Vergiss es.
Auch der dort angebotene „Big Boss“, wohl eine Kampfansage an den „Big King“ oder den „Big Mäc“, startet als Tiger und endet als trauriges Stück Fleischklops mit einem durchgeweichten Häppchen Salat und einem traurigen Zwiebelhalbmond in viel zu viel Lidl-Burgersoße.
Der Gipfel der Obszönität aber ist der „Monster Burger XXL“, der aus 3 überdimensionalen Bratlingen besteht, um die aus Alibigründen ein wenig Brötchen gewickelt und in die ein Salatblättchen eingefaßt ist. Gefühlte 3 Kilo pures Fleisch à 8,40 € für echte Kerle. Okay, zugegeben, so einen Klopper suchen wir bei McDonalds und Burger King (doch doch – das Ding ist noch krasser als ein Triple Whopper) vergebens. Warum wohl?
Die Fritten sind indiskutabel und knüllen sich auf der Stelle zu einem festen Klumpen in Magen und Darm zusammen, den man nur mit Rhizinosöl, Fleckentferner oder einer Klempnerspirale aufgelöst bekommt.
Ich habe aber die böse Ahnung, dass dieses Ding mich überlebt und mir bei meiner Beerdigung einen zerknautschten „Big Boss“ als letzten Gruß ins Grab wirft, sich hämisch darüber amüsierend, dass es ihn auch in weiteren hundert Jahren geben wird. Grusel.

Foto: mike-o-rama

Schönes Wochenende!

Bier

Wochenende!

Freitagnachmittag – die ersten drei Tage „Männer unter sich“ liegen hinter und das Wochenende vor uns. Hier wird es am kommenden Montag mit neuen Artikeln weiter gehen, ich freue mich schon auf mein erstes Wochenend-Bier mit den Kumpels in der Kneipe.
Hier könnt ihr natürlich weiter kommentieren, wenn ihr möchtet. Ich würde mich sehr freuen, wenn der eine oder andere Leser uns sagen würde, was ihm an unserem neuen Blog gefallen hat und was nicht. Was können wir anders machen, was besser, was soll so bleiben, wie es ist? Und – ganz wichtig für mich und die anderen Autoren – welche Themen sollen wir für euch beackern? Worüber möchtet ihr etwas lesen, was soll hier erscheinen?
Und wenn ihr einfach nur ein bißchen quatschen wollt oder über etwas diskutieren, das euch gerade auf den Nägeln brennt, nur zu! Auch dafür ist die Kommentarfunktion da. Ich werde auch gelegentlich reinschauen. Nach dem ersten oder zweiten Wochenend-Bier.

Foto: Günter Havlena / pixelio.de

In der Wüste

FIFA-Dämmerung in Katar

„In der Wüste gibt es keine Fußball-Tradition, keine Fans, wahrscheinlich nicht mal einen Ball. Es gibt nur Sand und Geld, beides reichlich, und man darf wohl davon ausgehen, dass der Sand die Fifa-Exekutive nicht besonders interessiert hat.“
Sven Goldmann im Tagesspiegel

Damit ist eigentlich alles gesagt, was zur Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar zu sagen ist. Dass Blatter und seine Leute sich einen Dreck um Traditionen scheren, dass sie den größtmöglichen Profit über das stellen, was sentimentale Fans wie unsereins die Seele des Spiels nennen, ist nichts neues. Geschenkt. Aber eine Scheiß-Wut hab ich trotzdem.
Andererseits nötigt einem die Chuzpe, mit der „Slippery Sepp“ eins der bedeutendsten Sportereignis dieser Welt an einen Zwergstaat ohne Fußballstadien vergibt, der etwas kleiner als Schleswig-Holstein ist, in dem ein Alkoholverbot herrscht und der Homosexualität unter Strafe stellt – um nur einige der Highlights des zukünftigen Fußball-Mekka (sic!) zu nennen – nötigt mir beinahe schon wieder Bewunderung ab.
Und eine gewisse Erleichterung verspüre ich darüber, dass 2018 und 2022 vermutlich, hoffentlich die letzten beiden Weltmeisterschaften waren, die nach dem System Blatter vergeben wurden. „Es kann nur besser werden“, hätte ich beinahe geschrieben, aber meistens wird es schlechter, wenn man diesen Satz sagt, schreibt oder denkt. Wenn schon nicht besser, dann muss es wenigstens anders werden.
Das Spiel gehört nicht irgendwelchen alten Säcken aus Exekutiv-Komitees, die von einer VIP-Loge in die andere taumeln. Das Spiel gehört auch nicht den Spielern, nicht dem millionenschweren Profi, nicht dem Amateur, der sich sonntags früh auf irgendeinem Aschenplatz die Lunge aus dem Leib rennt. Das Spiel gehört auch nicht den Zuschauern, nicht den Dauerkarteninhaber in den Bundesligastadien, nicht den Rentnern neben den Trainingsplätzen, erst recht nicht den krakeelenden Besserwissern vor den Fernsehern. Das Spiel gehört niemandem allein, das Spiel ist sogar noch mehr als die Summe derer, die es lieben. Deshalb wird das Spiel auch diese Weltmeisterschaft überleben, vielleicht nicht unbeschadet, aber das Spiel wird es auch nach Katar noch geben.
Spätestens dann wird es aber Zeit, dass der Fußball sich von der FIFA erholt.

Foto: Katharina Wieland Müller/pixelio.de

King Camp Gillette – vom Klinkenputzer zum Klingentycoon

King Camp Gillette - Der Mann auf der Klingenpackung

Der 3. Dezember 1901 war ein großer Tag. Für alle Männer dieser Welt und für einen einzelnen. Für alle Männer, die sich nach einer unkomplizierten Möglichkeit sehnten, ihre Barthaare loszuwerden, und für King Camp Gillette, den Mann, der an diesem Tag den ersten Rasierapparat mit einer modernen Rasierklinge zum Patent anmeldete. Gillette machte an diesem Tag den ersten Schritt auf dem Weg zu einem schwerreichen Mann, und die Männer dieser Welt profitieren seitdem von seinem Erfindungsgeist bzw. sie bezahlen teuer dafür, wenn sie die Klingen der Firma kaufen, die heute noch seinen Namen trägt.
Gillettes Eltern schienen geahnt zu haben, dass ihrem Sohn Großes bestimmt war, sonst hätten sie ihm wohl kaum den Vornamen „King“ gegeben. King wuchs in Chicago auf und war sich schon in jungen Jahren sicher, einmal als berühmter Erfinder in die Geschichte einzugehen. Doch seine Familie verarmte 1871 durch die Brandkatastrophe von Chicago, so dass er sich zwanzig Jahre lang als Handelsvertreter durchschlagen musste.
Während dieser Zeit versuchte er sich mit brutalstmöglicher Erfolglosigkeit an zahlreichen Erfindungen, dem Vernehmen nach soll der gute Mann sogar das Alphabet nach Dingen durchdekliniert haben, die er erfinden könnte („A wie Auspuffkrümmer, B wie Bunsenbrenner, nee, gibt’s ja schon, C wie Chlorfilter…“).

Patentzeichnung

Zeichnung aus einem der Patente Gillettes

Und 1895 fiel ihm dann, als er sich mit einem stumpfen Rasiermesser quälte, der Rasierapparat mit auswechselbarer Klinge ein. Ganz einfach so, zack! war das Ding in King’s Kopp, so funktioniert erfinderisches Genie! Sechs Jahre später hatte Gillette einen Techniker gefunden, der seine Idee in die Tat umsetzte, das Patent wurde angemeldet und der Rest ist – fünf Euro ins Phrasenschwein – Geschichte.
So hat es King Camp Gillette erzählt, so ähnlich steht es in der Wikipedia, und so war es mit Sicherheit nicht. Wenn man sich die zu seinem Patentantrag gehörenden Zeichnungen anschaut, so ist dieser Rasierapparat verblüffend perfekt. Die Unterschiede zum endgültigen Produkt, dass einen Massenmarkt erschloss, sind – wenn überhaupt vorhanden – bestenfalls marginal. Da liegt der Verdacht nahe, dass Gillette und sein Techniker auf bestehende Designs zurückgegriffen und diese verbessert haben, was den Tatsachen entsprechen dürfte. Rasierapparate mit Wechselklingen gab es seit Mitte des 19. Jahrhunderts, hier gab es für Gillette nichts mehr zu erfinden, seine bahnbrechende Innovation lag im Bereich der Klinge. Die bisherigen Rasierapparatklingen waren geschmiedete Teile, die – wie die Rasiermesser – geschärft wurden. Gillette machte aus der Rasierklinge einen Wegwerfartikel, rein, rasieren, raus, wham, bang, thank you, King!
Zunächst vermarktete er seine Rasierapparate als Luxusprodukte, die ersten Serien gingen für 5 $ pro Stück über den Tresen, was damals ein ganz hübsches Sümmchen war. 5 $ entsprachen dem halben Wochenlohn eines Arbeiter, nach heutiger Kaufkraft in etwa 160 $, auch ein King hatte damals nichts zu verschenken.
Dementsprechend schleppend lief das Geschäft 1903 an. Im ersten Jahr nach Markteinführung verkaufte Gillette gerade mal 51 Rasierer und 168 Klingen. Im zweiten Jahr wurden zwar schon 90.000 Rasierer und eine satte Million Klingen abgesetzt, aber das war – angesichts der Anzahl männlicher US-Bürger – nur eine kleine Delle im riesigen Markt von Vollbart und Rasiermesser.
Der ganz große Durchbruch kam für Gillette mit dem ersten Weltkrieg. An der Front waren Giftgas-Angriffe an der Tagesordnung, und die überlebensnotwendige Gasmaske saß am dichtesten auf einem glattrasierten Gesicht. Die Streitkräfte mussten dafür sorgen, dass ihre Soldaten sich im Schützengraben unkompliziert, rasch und gründlich rasieren konnten, und da kamen Gillettes Apparate wie gerufen. Die amerikanische Regierung stattete jeden Soldaten mit einem Rasierapparat und Klingen aus, Gillette war ein gemachter Mann.

Klingenpackungen

Die Klingen, die die Welt veränderten

Und es kam noch besser für den einstigen Klinkenputzer: Nach Kriegsende hatten die Soldaten die einfache, unkomplizierte Rasur mit seinen Klingen schätzen gelernt, nahmen die Rasierapparate mit, die die Regierung ihnen geschenkt hatte, und kauften fortan Gillettes Wegwerfklingen.
Die Zeiten, in denen sich Männer Bärte stehen ließen, um der unangenehmen Rasur mit stumpfen Rasiermessern zu entgehen (das „volle Programm“ und die vorbildlich auf „Haartest-Schärfe“ gebrachten Messer waren damals wie heute die Ausnahme, nicht die Regel) waren nun endgültig vorbei.

Zeichnung Metropolis

So sollte Gillettes Metropolis aussehen

Wie jeder große Visionär mochte Gillette sich nicht auf eine Vision beschränken. Außer seinem Rasierapparat patentierte er auch noch einen Flaschenverschluss, der sich jedoch ebensowenig durchsetzen konnte wie der utopische Sozialismus, den Gillette in mehreren Büchern, die er u.a. zusammen mit Upton Sinclair schrieb, propagierte. Gillette träumte von einer riesigen Stadt namens Metropolis (Supermans Wohnort hat er also auch erfunden), in der alle (!) Amerikaner leben sollten und deren Energie von den Niagara-Fällen geliefert werden sollte. Die weltweite Industrieproduktion wollte er von einer einzigen Firma erledigen lassen, und er hat tatsächlich versucht, diese Firma zu gründen. Theodore Roosevelt sollte den Laden leiten, doch der lehnte ab, obwohl Gillette ihm ein damals unerhörtes Jahresgehalt von 1 Million Dollar geboten hatte. Roosevelt war Realpolitiker und hielt es wohl vorausschauenderweise mit Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Und eine Erfindung, die fast immer mit Gillettes Namen verbunden wird, stammt gar nicht von ihm: das sogenannte Freebie Marketing („Verschenk die Apparate, mach das Geschäft mit den Klingen, die die Leute wieder und wieder nachkaufen müssen.“). Das hat seine Konkurrenz erfunden, um gegen die marktbeherrschende Position von Gillette anstinken zu können. Erst als die Patente ausliefen, die Gillette vor 109 Jahren eingereicht hat, bediente sich die Firma mit seinem Namen dieser Methode.
Gillette selbst hat das nicht mehr erlebt. Als er 1932 starb, war er praktisch bankrott, die Depression hatte sein Vermögen fast vollständig dezimiert.
Vom Klinkenputzer zum Klingenerfinder, vom verkrachten Handelsvertreter zum Industrie-Tycoon und Sozialromantiker, vom schwerreichen Mäzen zum Bankrotteur… wenige Männer haben Höhen und Tiefen des Lebens so ausgekostet wie King Camp Gillette, der Mann, der die Rasierklinge erfand und damit das Leben aller Männer dieser Welt verändert hat.

Fotos der Klingen: Nassrasur.com
Foto Metropolis: K.C. Gillette, Human Drift. 1894
Patentzeichnung: Patentdatenbank Google

Ankes Fernbedienung

Jeder Mann kennt das wichtigste Instrument in einem Haushalt: Die Fernbedienung. Wer die Fernbedienung aus der Hand gibt, riskiert alles: Mona Lisa statt Sportschau, Pilcher statt Tatort, Anne Will statt englischem Krimi, um nur die Fährnisse zu nennen, die an einem Sonntagabend lauern.
Daher blicken wir mit fassungslosem Staunen nach Köln, auf den Picassoplatz 1, auf die Chefetage von RTL-Television, auf die Geschäftsführerin von „Deutschlands mächtigster Unterhaltungsmaschinerie“ (Financial Times Deutschland), Anke Schäferkordt. Anke gibt nämlich ihre Fernbedienung ab. Immer, wenn sie abends nach Hause kommt.
Diese schockierende Tatsache müssen wir einer sogenannten Homestory entnehmen, die in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, und die uns mehr als beunruhigende Einblicke in die Gedankenwelt Frau Schäferkordts beschert hat.
Kostprobe gefällig? „Monstermaschinen faszinieren vor allem die männliche Zielgruppe“, schwadroniert Frau Schäferkordt angesichts eines von n-tv versendeten Schaufelbaggers daher. Während unsereins noch verzweifelt versucht, ein Baustellenfahrzeug gedanklich zum Faszinosum hochzustilisieren, äußert Frau Schäferkordt in beängstigend unbeirrter Weise ihre Sympathien für sogenanntes „Männerfernsehen“: „… ich kann aber verstehen, dass man als Mann Spaß an solchen Sachen hat. Das erinnert mich an meine Kindheit, als die Jungs bei uns diese Feuerstreifen auf den Kotflügel über den Auspuff ihrer Opel Mantas klebten.“

Manta

Opel Manta mit korrekt positioniertem Auspuff

Mal ganz abgesehen davon, dass Frau Schäferkordt vorgibt, abgefilmte Autoaufkleber für ein attraktives Männerprogramm zu halten, wo meint sie, dass solche Aufkleber hingeklebt werden? Und wie kommt der Kotflügel beim Manta über den Auspuff? Doch wohl nur durch einen durch Frau Schäferkordts weibliche Schusseligkeit verursachten Mega-Auffahrunfall am Kamener Kreuz!
Oder hat sie ihr automobiles Wissen während ihrer schwere Kindheit in einem Drecknest nahe Lemgo erworben? Dann müssen sich die Kerle dort Karren zusammengeschraubt haben, über die sogar die Ludolfs Tränen gelacht hätten, und ihre Aufkleber haben sie angebracht, während sie sich durch die zweite Palette Kleiner Feigling gearbeitet haben.

Teddy

Frau Schäferkordts Lebensgefährte mit Fernbedienung (Symbolfoto)

Bei Frau Schäferkordt zuhause hat der Lebensabschnittsgefährte jedoch weder ein praktisches Portionsfläschchen noch einen geschmackvollen Autoaufkleber („Ich bremse auch für Anke!“) in der Hand, sondern die Fernbedienung: „Zuhause gebe ich die Fernbedienung aber meist an meinen Lebensgefährten ab. Das ist besser für uns beide.“
Wieso das denn? Kann die RTL-CEO nicht ohne männliche Hilfe umschalten? Kann ihr Lebensabschnittsgefährte (laut Boulevardpresse ein Historiker) als einziges Mitglied des Zwei-Personen-Haushalts die Hieroglyphen in der Programmzeitschrift entziffern? Oder fühlt sich Frau Schäferkordt wie alle iPhone-Besitzerinnen von Geräten terrorisiert, die mehr als einen Knopf haben?
Nein, die Antwort ist – typisch für die Unterhaltungsangebote von RTL – sehr einfach: „Ich zappe nämlich für mein Leben gerne.“
Zumindest wissen wir jetzt, warum RTL ein Programm wie RTL macht, warum Perlen wie „Mitten im Leben“ (Ich empfehle die Folge „Die Mutter vergrault dem Gothic-Sohn die Freundin“, in der die Darsteller von einem Mett-Igel an die Wand gemimt werden) oder „Willkommen bei Mario Barth“ (Bei diesem Format hingegen sehnen wir den quirligen Mett-Igel geradezu herbei) in die große weite Welt hinein gesendet werden: weil die Geschäftsleitung schon bei der Endabnahme umgeschaltet hat.

Was wir aber gern wissen würden: Was schaltet Ankes Kerl ein, wenn er sich über sie geärgert hat? Welche Sendung muss Frau Schäferkordt ohne Zappen ertragen, wenn sie ihrem Historiker an den Karren Manta gefahren ist?
Die originellste Antwort in den Kommentaren gewinnt eine Tube Top-Secret-Rasiercreme aus dem Nassrasur.com Shop. Antworten sind bis heute um Mitternacht möglich. Die Auswahl des Gewinners, der morgen früh in den Kommentaren bekannt gegeben wird, erfolgt total subjektiv und unfair durch die Redaktion von „Männer unter sich“. Mitarbeiter von nassrasur.com, Autoren dieses Blogs und Ankes Historiker dürfen nicht teilnehmen, der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Fotos: R.B./pixelio.de (Manta), nimkenja/pixelio.de (Fernbedienung)


Überleben im Dschungel der Großstadt: Der Heldenteller

In der Serie „Überleben im Dschungel der Großstadt“ begibt sich mike-o-rama für uns in die Wildnis Berlins und testet ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit Imbiss-Buden, Fast-Food-Restaurants, Supermärkte und Orte, die nie ein zurechnungsfähiger Mensch gesehen hat. Seine Berichte erscheinen auch auf dem Bewertungsportal qype.de.

Das war chön charf!

Nach der Wurst

Am Berliner Alexanderplatz gibt es ein bonbonfarbiges Shoppingsmonstereinkaufszentrum namens Alexa. Dort verkaufen die Gebrüder Hansen oben in der Fressecke Wurst. Diese Tatsache an sich wäre gar nicht mal besonders erwähnenswert, gäbe es nicht den sog. „Heldenteller“.
Dieser besteht aus einer Currywurst, scharfer Soße (richtig scharf, nicht dönerladenscharf), Jalapenos, Killertabasco aus der Pipette (ich hatte 6 Tropfen), Pommes und einem Chilischnaps.
Bereits nach der ersten Scheibe Wurst zieht sich die Mundinnenwand reflexartig zusammen, die Körpersteuerung wähnt einen angehenden Flächenbrand und reagiert mit zusätzlichem Speichelfluß, der die Schärfe schön gleichmäßig in Mund- und Rachenraum verteilt.
Jeder weitere Biß ist purer Schmerz aus der Hölle der Qualen.
Wer glaubt, die Pommes als eine Art Toastbrot verwenden und damit den Flächenbrand eindämmen zu können, wird feststellen, dass diese schon vor Kontaktaufnahme mit der Zunge Schmerz in einer Art erzeugen, die der Behandlung einer Brandwunde mit Salz ähnelt. Flüssigkeit in jeder Form potenziert das Drama zusätzlich, sorgt allerdings für eine flächendeckende Ausbreitung des Schmerzes bis tief in den Rachen hinein.
Inzwischen fast blind vor Tränen, nahm ich die nächsten Wurststücken aus Gründen der Vitaminaufnahme mit je einer Jalapeno ein, welche, da sich nach dem dritten Stück die oberste Schicht meiner Zunge abgelöst hatte, nun auf rohes Fleisch trafen. Die Nervenenden in der Zunge sind in unendlicher Weisheit und Güte ungefähr ab diesem Zeitpunkt kollektiv abgestorben und erst Tage später nachgewachsen.
Ab der Einnahme des letzten Stückchens Wurst nahm das Gefühl von offenen Wunden in der Backeninnenseite Oberhand, was mich schon einmal darüber nachdenken ließ, wie es sich künftig mit noch mehr Öffnungen im Gesicht atmet.
Am Ende konnte ich vor lauter Tränen gar nichts mehr sehen, ein dicker Speichelfaden lief mir das Kinn herunter, ein Kind hielt mich für einen Feuermelder und wollte mich drücken. Den Chilischnaps habe ich aus Gründen der Selbsterhaltung stehen lassen, ich brauche ja noch ne Herausforderung, wenn ich mal mit den Jungs da hingehe.
Die Zunge in eine Serviette eingewickelt, um die imaginäre Blutung zu stoppen, humpelte der Held schließlich gramgebeugt aus dem Alexa, im Arm die beste Frau der Welt, die ihm bei seinem „Heldenteller“ geholfen hat.
Ja, die Gebrüder sind grundsolide Wurstbrater, deren Erzeugnisse man, wenn man z.B. den gar nicht scharfen „Mädchenteller“ nimmt, durchaus genießen kann. Der „Heldenteller“ hingegen ist auf jeden Fall was für Mutproben nie erwachsen werdender Jungs.

Foto: © M. Beßler / PIXELIO