[Roberts Blu-rays] Brannigan – würdevoll gealtert (Gastbeitrag von Chris)

BranniganCover„Was? Ist das wirklich John Wayne?“, fragt man sich unwillkürlich, wenn man beginnt, „Brannigan“ anzuschauen. Wayne ohne Stetson, Revolvergurt und Pferd ist ein ungewohnter Anblick, und tatsächlich hat der Duke in seiner langen Karriere nur in einer Handvoll Filmen mitgespielt, die nicht dem Western-Genre zuzurechnen sind. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob Brannigan tatsächlich KEIN Western ist. Auch wenn der Film im London der ausgehenden „Swingin‘ Sixties“ spielt.

Brannigan“ wurde im Spätherbst von Waynes Karriere gedreht, die er – wie gesagt – beinahe ausschließlich im Mustang-Sattel verbrachte. Doch in den Siebziger Jahren begann der Abstieg des Western-Genres. Selbst mit einem Mega-Star wie Wayne ließen sich nur noch schwerlich Kino-Karten für einen Western verkaufen. Deshalb kam man auf die Idee, einen klassischen Wayne-Plot – Revolverheld kommt in die Stadt, um dem Sheriff zu helfen – nach London zu verlegen und Richard Attenborough den Sheriff von Scotland Yard spielen zu lassen. Wayne spielt den hartgesottenen Cop Brannigan aus Chicago, der nach London kommt, um einen amerikanischen Gangster zurück in die Heimat zu bringen. Doch der Gangster wird entführt, sein zwielichtiger Anwalt spielt ein doppeltes oder dreifaches Spiel und dann ist da noch dieser durchgeknallte Auftragskiller aus New Orleans, der auf Brannigan angesetzt ist. Bald wird in London mehr durch die Gegend geballert als am O.K. Corral, Brannigan verstößt gegen sämtliche amerikanischen und britischen Dienstvorschriften, flirtet mit einer deutlich jüngeren Kollegin und bringt nach mancherlei Verwirrungen, alles zu einem guten Ende. So weit, so klassisch.

1975 brachte der Film ein wenig frischen Wind in Waynes Karriere, heute muss der Film etwas tun, was der Duke nie tat: seinem Alter Tribut zollen. Vom Action-Gewitter heutiger Cop-Thriller ist Brannigan so weit entfernt wie London-Heathrow vom O’Hare-Airport in Chicago. Zwischen den Action-Blöcken lässt das Tempo des Films gelegentlich ordentlich nach, da ist der Polizei-Film-Freund spätestens seit der Lethal-Weapon-Reihe (die auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat) härteres und schnelleres gewöhnt. Wer allerdings auf eigentlich sinnfreie Vorbeifahrten historischer Automobile zu schwungvoll gemeinter Film-Musik steht, kommt voll auf seine Kosten.

Allerdings sollte man weder dem Film noch dem Duke sein Alter zum Vorwurf machen. In den Siebzigern hat man die Filme eben so gedreht, punktum. Schauspielerisch ist Wayne in Top-Form, das Pingpong mit Attenborough funktioniert bestens, die große Verfolgungsjagd ist grandios gemacht (Stuntdriver sind eben doch etwas gaaanz anderes als CGIs) und die Saloonschlägerei die Prügelei in einem victorianischen Pub ist in meinem persönlichen Top-Five der John-Wayne-Filmschlägereien.

Fazit: Fans moderner Cop-Action-Thriller sind mit diesem Klassiker vielleicht etwas unterfordert, für John-Wayne-Fans und 70er-Jahre-Nostalgiker ist „Brannigan – ein Mann aus Tahl“ ein absolutes Muss. Weil es trotz pferdefreiem britischen Ambiente ein echter John-Wayne-Film ist.

  • Darsteller: John Wayne, Richard Attenborough, Judy Geeson, Mel Ferrer, John Vernon
  • Regisseur(e): Douglas Hickox
  • Format: Widescreen
  • Sprache: Deutsch (DTS HD 1.0), Englisch (DTS HD 1.0)
  • Bildseitenformat: 16:9 – 2.35:1
  • Anzahl Disks: 1
  • FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
  • Studio: Concorde Video
  • Erscheinungstermin: 8. Juni 2016
  • Produktionsjahr: 1975
  • Spieldauer: 111 Minuten

Normalerweise schreibt Robert Hill die Rezensionen in unserer Rubrik „Roberts Blu-rays“. Für Fußball-Filme und Western setzt sich gelegentlich – wie dieses Mal – Chris Kurbjuhn an die Tastatur.

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