[WM2014] Gauchogate

August Lohr [Public domain], via Wikimedia Commons

August Lohr [Public domain], via Wikimedia Commons

Ich wollte eigentlich gar nichts zu dieser Sache schreiben, aber diverse Beiträge aus meiner Facebook- und Twitter-Timeline haben mich jetzt doch inspiriert, einige Dinge gerade zu rücken.
Gestern, bei der Siegesfeier am Brandenburger Tor, haben ein paar Nationalspieler eine Tanz- und Gesangseinlage gegeben („So geht der Gaucho“), die einigen berufsempörten Journalisten und Netzöffentlichkeitsarbeitern sauer aufgestoßen ist (bei Interesse nach „Gauchogate“ googlen, ich mag den Quatsch nicht verlinken) und die deshalb aufkeimenden Nationalismus, Unfairness, Unsportlichkeit usw. am Horizont heraufdräuen sehen. Dazu ein paar Anmerkungen:

1. Das Verhöhnen des Gegners vor und nach Spielen ist Bestandteil der über mehr als hundert Jahre lang gewachsenen Fußballkultur. Diese Schmähgesänge beziehen sich auf die Rivalität auf dem Fußballfeld, auf sonst nichts, und werden – im Stadion – von den gegnerischen Fans mit ähnlichen, dann meist härteren Gesängen gekontert. Schmähgesänge gehören zur Fan-Kultur wie geschwenkte Fahnen, Sprechchöre, Transparente, you name it. Das ist nichts besonderes.

2. Das gescholtene Lied wird seit Jahren, vielleicht sogar seit Jahrzehnten in allen deutschen Stadien zum Besten gegeben, mit jeweils verschiedenen Nationen oder Vereinen als Ziel des Spottes.  Es wurde sogar schon mal 2008 am Brandenburger Tor gesungen, wie Stefan Niggemeier herausgefunden hat. Das Lied ist ziemlich doof und primitiv wie vieles in der Fußball-Fankultur. Nun denn, wer Toleranz predigt, sollte sie walten lassen. Es wird niemand zum Besuch einer Fankurve gezwungen, genausowenig wie man zum Besuch einer Ballettaufführung oder zum Besuch einer Veranstaltung, bei der die Nationalmannschaft sich bei ihren Fans bedankt, gezwungen wird. Es herrscht die Freiheit, nicht hinzugehen, bzw. auf der Fernbedienung ein Programm zu wählen, wo das nicht gezeigt wird, was man nicht sehen oder hören möchte.

3. Das Lied ist nicht schlimm. Überhaupt nicht. Es ist nur austauschbar doof. Die ganze künstliche Aufregung ist nur dazu da, um noch ein paar letzte Klicks mit der WM 2014 zu generieren. Wie dieser Artikel hier.

4. Weil ich es nicht besser formulieren kann, überlasse ich Markus Bartha das Schlusswort, der auf Facebook vollkommen richtig und gelassen kommentierte: „Also in der Siegesfeier, die ich gesehen habe, wurde ein Sohn polnischer Eltern als bester Mann gefeiert, und ein anderer feierte seine Stadt, Köln.Ein Sohn eines ghanaischen Vaters verkündete seinen Stolz darüber, Berliner zu sein. Nicht zuletzt die Söhne tunesischer und türkischer Eltern wurden als Teil unserer, der deutschen Nationalmannschaft von unserem homosexuellen Bürgermeister in unserer buntesten wiedervereinten Stadt gefeiert.“1.
Wie bereits geschrieben, ich hätte das so nicht formulieren können. Bei mir wäre nur ein „Was wollt ihr Vollpfosten-Eventis eigentlich noch, wenn’s euch nicht passt, bleibt weg vom Fußball!“ herausgekommen.

So, und jetzt ist Schluss mit WM. Wir richten den Blick nach vorn, CL-Quali läuft, EM-Quali steht an, und am 22. August startet die Bundesliga. Meine Herren, da kommt einiges auf uns zu.

  1. Orthografie und Grammatik behutsam angepasst


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4 Responses to [WM2014] Gauchogate

  1. Bernhard says:

    Die Worte die sie gefunden haben sprechen mir aus der Seele.

  2. Babypopo says:

    So isses!

    23 Jungs mit ein paar Atü auf dem Kessel singen im Überschwang der Freude über den größten Titel den man als Fußballer gewinnen kann ein kleines Liedchen. Und prompt droht der Untergang des Abendlandes.

    Eine Nummer kleiner hat man es in Deutschland nicht.

  3. Pingback: Nachgetreten: WM-Feiernde und staatsferner Nationalstolz | Rheinauenschreiber

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