Wo Mann gewesen sein muss: Karl-May-Museum, Radebeul

Die Villa Shatterhand

Fangen wir mit dem Henry-Stutzen an: der ist eine richtige Enttäuschung, wenn man ihn zum ersten Mal sieht. Ein stinknormales Winchester-Gewehr, da ist nix mit einer exzentrisch angeordneten Patronen-Kugel für 25 Schuss, nix feinmechanisches Meisterwerk.
Und der Bärentöter ist auch nicht viel besser: Das ist kein Gewehr, das ist eine tragbare schwer zu tragende Kanone. Der man ansieht, dass sie nie abgefeuert worden ist. Wenn jemand so vermessen gewesen wäre, dass zu wagen, hätte dieses Mordstrumm von Schießprügel ihm die Schulter gebrochen. Und sein Besitzer, Karl May persönlich, wäre unter seiner Last vermutlich zusammengebrochen.
Bleibt Winnetous Silberbüchse. Und da verbietet sich jede Kritik und jeder Zweifel an ihrer Echtheit.

Silberbüchse, Bärentöter, Henry-Stutzen

Herrschaftszeiten, das MUSS die Waffe sein, mit der Winnetou ein ums andere Mal das Leben seines Bruders Scharlih gerettet hat. Wir stehen ergriffen davor und wissen: obwohl wir vielleicht einen langen Weg hinter uns haben und zum ersten Mal in unserem Leben nach Radebeul bei Dresden gekommen sind: wir sind endlich zuhause. In der Savanne unserer Träume, im Karl-May-Museum.

Eigentlich sind es ja zwei Museen: einmal die Villa Shatterhand, in der man neben den Gewehren Mays Bücher, seinen Empfangssalon und sein Arbeitszimmer (orientalisch ausstaffiert), Souvenirs von seinen Reisen und durchaus schwülstige Gemälde seines Freundes Sascha Schneider bestaunen kann.
Das Gefühl, das einen überkommt, wenn man an Mays Schreibtisch steht, ist durchaus eigen, mir jedenfalls wurde plötzlich klar, dass ich an der Wiege Winnetous stand, der eben nicht in einem Pueblo am Rio Pecos zur Welt gekommen ist, sondern hier, ausgerechnet in Sachsen, von seinem Schöpfer mit dem Tintenfüller auf den Mustang gesetzt wurde.
Wer sträflicherweise noch Lücken in seiner May-Gesamtausgabe hat, kann sie im Museumsshop auffüllen, bevor er nochmal die Silberbüchse anguckt und in den Garten geht. Dort steht nämlich die nächste Attraktion des Karl-May-Museums, die Villa Bärenfett.

Villa Bärenfett

Die Villa Bärenfett ist ein großes, beinahe schon riesiges Blockhaus, dass die Ausstellung “Indianer Nordamerikas” beherbergt. Dieses Blockhaus ist erst einige Jahre nach Mays Tod gebaut worden, und die Sammlung wurde von einem Typen namens Patty Frank (alias Eisenarm alias Isto Maza, mit bürgerlichem Namen Ernst Tobis) angelegt und gepflegt. Nein, Patty Frank war keine Karl-May-Figur (obwohl die Namen darauf hindeuten) sondern ein Artist, Weltenbummler und Indianerforscher, der bis zu seinem Tod 1959 in diesem Blockhaus lebte, die Indianersammlungen pflegte und den Besuchern des Museums erklärte.

Birkenrindenkanu in der Villa Bärenfett

Und so wechselt man munter hin und her zwischen den erträumten May-Welten und den echten Indianer-Artefakten, denkt mehr als einmal an die May-Bände und die anderen Indianer-Bücher, die man als Junge verschlungen hat, riecht noch einmal den klebrig-muffigen Kino-Geruch, den man in der Nase hatte, als man zum ersten Mal Pierre Brice durch Jugoslawien reiten sah, hat plötzlich Martin Böttchers Winnetou-Melodie wieder im Ohr, und dann fallen einem die Karl-May-Hörspiele ein, die man auf Platte oder Kassette hatte… Und ist sich plötzlich bewusst, dass man hier in Radebeul an dem Ort ist, wo tatsächlich alles angefangen hat. Wo ein kleiner Mann aus Sachsen sich eine Phantasiewelt zusammengeträumt hat, die nach gut hundert Jahren schon manches “Weltreich” überdauert hat. Wo er Figuren erfunden hat, die schon Großväter faszinierten, und der mit Sicherheit noch unsere Ur-Enkel dazu bringen wird, sich mit Old Shatterhand und Kara ben Nemsi ins Abenteuerland zu träumen.

Genug gestaunt? Genug erinnert? Genug geträumt? Dann schnell noch mal in die Villa Shatterhand geschlichen, ein letztes Mal die Silberbüchse angucken. Und sich fest vornehmen, demnächst wieder hier vorbeizuschauen. Vielleicht zu den Karl-May-Festtagen im Mai? Ein Riesenspaß!

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Top-Männer-Locations in Deutschland, also Orte, die ein Mann mindestens einmal im Leben besucht haben sollte. Für Vorschläge, welche Orte wir vorstellen sollen, sind wir jederzeit dankbar, ob in den Kommentaren oder per Mail. Bisher erschienen: Bobbahn Altenberg, Westfalenstadion Dortmund, Lagerfeuer-Kochkurs Bockenem

Fotos Villa Shatterhand, Gewehre: Immanuel Giel 10:42, 22 September 2005 (UTC) (Eigenes Werk (own photography)) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
Foto Villa Bärenfett: Igelball  [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons
Foto Birkenrinden-Kanu: von Dellex (Eigenes Werk) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

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One Response to Wo Mann gewesen sein muss: Karl-May-Museum, Radebeul

  1. Cori sagt:

    Auch wenn der Artikel aus dem letzten Jahr ist: Vielen Dank für Einschätzung und die Bilder, Herr Kurbjuhn! Persönliche Erlebnisberichte vermitteln immer einen realistischeren Eindruck als einseitig-postitive PR-Mitteilungen der Betreiber.
    Auf den Seiten der DNN ist derzeit von einer Renovierung die Rede (http://www.dnn-online.de/radebeul/web/radebeul-nachrichten/detail/-/specific/Radebeul-Karl-May-Museum-kostet-1-5-Millionen-Euro-mehr-1626333220); neben der Info, dass diese teurer wird als geplant, erhält der Nicht-Abonnent leider keine Informationen darüber , inwiefern sich die Instandsetzung auf die Besuchsmöglichkeiten/Öffnungszeiten auswirken wird; auch auf den Seiten des Museums ist nichts aufzufinden. Ich hoffe, dass solche Dinge beizeiten noch kommuniziert werden.

    Beste Grüße!

    Cori

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